
Da es unter einigen weiblichen Mitgliedern der Pirat*innenpartei (ja, das habe ich jetzt eigenmächtig gegendert) ganz offensichtlich Gesprächsbedarf bezüglich der Gender-Thematik gab und diese Partei wohl doch nicht so „post-Gender“ war, wie sie von sich selbst behauptete, gründete sich eine Art Gruppierung namens „Piratinnen“, ohne jetzt einen Anspruch zu haben, offiziell im Namen der Partei oder aller weiblichen Mitglieder sprechen zu wollen. Als ich davon erfuhr, war ich zunächst skeptisch, weil so eine Gruppierung mir doch dann auch selbst etwas zu geschlechtsfixiert schien, aber als ich dann die Reaktionen auf die Gründung dieser Gruppe lesen musste, wurde ich eindeutig zu einer Sympathisantin.
Was dort der Gründerin an Kommentaren entgegen flog, war nicht sicher nicht bloß eine Form von berechtigter Kritik, sondern ging teilweise sehr deutlich in den Bereich des offenen Sexismus, den diese ach so emanzipatorische Partei doch überwunden haben wollte. Das Thema schlug allgemein hohe Wellen und auch andere Medien griffen die Diskussion in der Partei auf. Allein diese kontroverse Diskussion bezüglich der Gründung einer Gruppe mit dem Namen „Piratinnen“ und das aufmerksam machen auf gewisse Missstände in der Partei zeigen deutlich, dass sie eben nicht post-gender, in Einzelfällen wahrscheinlich nichtmal post-sexismus ist. Aber ich will hier gar nicht weiter auf die konkrete Diskussion bei der PP eingehen, das ginge dann doch zu weit und ich habe auch keinen Einblick in parteiinterne Strukturen. (Und wenn ich hier so unbeschwert weiterschwafele, kommt noch eine piratige Web-2.0-Flotte an und zerpflückt mich
.)
Eine ganz ähnliche Problematik gibt es auch in vielen Teilen der linksradikalen „Bewegung“. Da kann mensch sich noch so emanzipatorisch und politisch korrekt geben, das kann auch bloß Fassade sein. Macker*innengehabe, blöde Sprüche, dominantes Gesprächsverhalten, sogar offener Sexismus sind unter Linksradikalen auch vorhanden, vielleicht nicht so häufig wie im Rest der Gesellschaft, aber dennoch. (Der Anteil bei organisierten Linksradikalen mag noch geringer sein, aber ich kann nur mutmaßen.) Nun, ich denke, da zeigen sich 15-20 Jahre Erziehung, wo sicher bei den meisten sicher kaum ein post-gender oder anti-sexistischer Schwerpunkt gesetzt wurde. So leicht legt mensch das auch nicht ab.
Das ist alles eigentlich sehr schade, denn wo immer gegen Kapitalismus, Rassismus und Faschismus gekämpft wird, bleibt, meiner bescheidenen Meinung nach, der Kampf gegen den umfassenden alltäglichen Sexismus vollkommen auf der Strecke. Und der ist in der Gesellschaft präsent wie eh und je, vielleicht nicht mehr auf dieselbe Art und Weise wie früher, aber das Patriarchat existiert immernoch genau wie sexistische Klischees und Rollenmodelle. Menschen, die aus diesen versuchen auszubrechen, werden blöde angeguckt und angemacht. Allein der Blick in eigentlich alle Massenmedien zeigt, wie mensch sich zu verhalten hat – seinem Geschlecht entsprechend. Da werden Unterschiede herbeibeschworen und durch ewiges Wiederholen in die Köpfe zementiert. Dagegen was zu unternehmen, wäre wirklich mal post-gender.
Viele Formen der offenen Diskrimierung mögen zwar verschwunden sein, aber solange Menschen aufgrund ihres Geschlechtes teilweise geringeren Lohn bekommen oder angegriffen werden, existiert keine Gleichheit oder gar Gleichberechtigung. Auch wenn wir uns die Ministerpräsident*innen der Ländern anschauen (wäre Althaus nicht zurückgetreten, hätte ich hier nicht gendern müssen) oder auch die Minister*innen, so gibt es da ein deutliches Ungleichgewicht, ähnlich ist es auch in den Vorstandsetagen großer Unternehmen. Anders als mit Sexismus (sprich: Patriarchat) lässt sich das kaum vernünftig erklären. Und die Alltagskultur fordert ja auch eine innergeschlechtliche Solidarität statt einer intergeschlechtlichen oder anti-geschlechtlichen.
Schön wäre es, einfach sein (soziales) Geschlecht ablegen zu können und dann ohne Probleme durch den Alltag zu kommen. Aber es ist wesentlich leichter, sich zu einem Geschlecht zu bekennen, sonst wird mensch oft einfach nicht akzeptiert. Ich wünschte mir ein wenig mehr Engagement in diese Richtung. Kaum kommen in einem Lied mal Textzeilen mit „schwarz-rot-gold“ vor, kocht die linksradikale Szene, aber wenn wir mal konsequent Lieder mit sexistischen Klischees abstrafen würden, würde es ähnliche Reaktionen geben wie bei der Gründung der Piratinnen. Zu Guter Letzt werde ich noch ihren Spruch kopieren, denn der ist wirklich super:
Klarmachen zum Gendern!
Hey, danke für diesen tollen Beitrag zu unserer „Gender-Debatte“. Ich finde es sehr interessant, dass sehr viele Menschen außerhalb der Piratenpartei völlig mit dem Thema d´accord gehen und innerhalb der Partei ein Hauen und Stechen sondergleichen stattfindet.
Imho kann da was nicht stimmen …. deshalb „Klarmachen zum Gendern, Piratinnen!“ Und nicht unterkriegen lassen. Wer helfen will, kann sich gern an mich wenden