Digitaler Exibitionismus

Social Netwööörks
Wahrscheinlich sind die meisten von euch, die diesen Blog lesen, auch in irgendwelchen „sozialen Netzwerken“ angemeldet, angefangen bei StudiVZ über Twitter, Facebook, youtube oder myspace. Schließlich bieten diese Netzwerke auch Vorteile, die sich nicht so leicht wegdiskutieren lassen, so kann mensch dort leicht alte Freund*innen wieder treffen und auch problemlos zu einer großen Menge an Leuten Kontakt halten. Doch diese „schöne neue Welt“ hat auch einen Preis und zwar keinen niedrigen: Die eigene Privatspähre. Zwar kann mensch die Einstellungen in den Netzwerken so anpassen, dass nicht alle alles sehen können (Nachrichtendienste etc. können das natürlich trotzdem), aber das größte „Social Network“, Facebook, ist in den letzten Jahren dadurch aufgefallen, dass es die Standard-Einstellungen für die Privatsphäre immer mehr hin zu „Alles für die Öffentlichkeit“ verändert hat.
Sicher, gleich werden die ersten denken, es ist doch die eigene Entscheidung, ob mensch sich nun bei einer solchen Seite anmeldet oder eben nicht und im Endeffekt stimmt das ja auch und ich komme auch ohne diese „Netzwerke“ aus, zu meinen Freund*innen kann ich auch über sichere Kanäle Kontakt halten, wo nicht alle potentiell alles mitbekommen können. Aber mensch darf auch nicht den „sozialen Druck“ unterschätzen, den es gibt, sich bei einem „Netzwerk“ anzumelden, schließlich ist es oft so, dass fast alle irgendwo angemeldet sind und viel Kommunikation auf solche Netzwerke verlagert wird (weg von Instant Messaging und E-Mail) und dann können schon Informationshierarchien entstehen und mensch bekommt Sachen einfach nicht mehr mit und so eine Anmeldung tut ja auch nicht weh.
Das Problem, was ich hier Ansatzweise beschrieben habe, wird auch als „digital gap“ bezeichnet, was eigentlich meint, dass manche Menschen durch ihre digitale Abwesenheit von vielen Informationen und Vorteilen abgeschnitten sind und so auch benachteiligt werden. Im großen bezieht sich das vor allem auf die strukturelle Benachteiligung im globalen „Nord-Süd“-Gefälle, aber auch innerhalb einer Gesellschaft kann es zwischen verschiedenen Generationen einen „digital gap“ geben, wenn die ältere Generation gar nicht mehr dahinter kommt, was die jüngere macht und wo diese ihre Informationen her bezieht. Faktisch muss es keine Nachteile haben, wenn mensch in keinem „Netzwerk“ ist, aber genug Leute kennt, die drin sind und dadurch auch so an die Informationen kommt, aber wenn gewisse Informationen nur noch innerhalb der Netzwerke kursieren und dort am besten abrufbar sind, wird dies zu einer Benachteiligung für die Nicht-Angemeldeten.
Wenn ich mich also nicht anmelden will, und mir dadurch irgendwas entgeht, bin ich also selbst schuld. Leider ist es so, dass ich den Betreiber*innen dieser Netzwerke nicht traue. Politische Aktivist*innen, die dort angemeldet sind (und dort ist kein Mensch jemals anonym) geben damit mehr preis als ihre Identität, sondern auch noch ihren Bekanntenkreis, was manche Recherche auch leichter macht, nicht nur für staatliche Organe, es wurden auch schon Antifas durch ihre Fotos in solchen Netzwerken von Nazis geoutet. Dazu kommt, dass manche Verantwortlichen einen „neuen Umgang mit der Privatsphäre“ propagieren, da sich der Zeitgeist geändert hätte und die Anonymität der Vegangenheit angehöre. Was dabei vergessen wird, ist, dass die Verantwortlichen es oftmals selbst sind, die versuchen, einen solchen neuen Zeitgeist zu schaffen.
Ich versuche, im Netz so anonym wie möglich zu bleiben, sofern das möglich ist, manche Webseiten kennen auch meine reale Identität, vor allem, wenn es um Handel und Einkauf geht. Für mich persönlich ist die Anonymität im Internet ein Recht, ich will vollkommen bestimmen, wo ich welche persönlichen Daten hinterlasse und ich will eigentlich auch die volle Kontrolle über diese Daten haben und ja, ich weiß, dass dies illusorisch ist, da alle möglichen Seiten unfassbar viele Informationen sammeln und diese auch überall hin (manchmal bringt das gut Geld) weitergeben. Ich möchte im Netz unterwegs sein können, ohne Spuren zu hinterlassen, die zu meiner Haustür führen, ohne Angst zu haben, dass Freund*innen und Bekannte plötzlich irgendwas erfahren, was ich denen nicht sagen wollte, ohne, dass ich mich von staatlichen Organen beobachtet fühlen muss, nur weil ich eine Seite über anarchistische Attentate aufrufe.
Doch auch letztendlich bleibt mir auch nichts anderes übrig, als festzustellen, dass das Internet keineswegs ein „rechtsfreier Raum“ ist, noch dass dort unendlich viele Leute anonym rumsurfen. Denn auch, wenn ich mir heute Mühe gebe, auf Datenschutz zu achten, habe ich das nicht immer getan und da das Internet nie vergisst, findet mensch heute noch Spuren, die einige Jahre alt sind – immerhin kein Foto, wenn mensch meinen Realnamen sucht. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Erosion der Privatsphäre weitergehen wird und wenn viele Leute erstmal daran gewöhnt sind, dann werden die üblichen Phrasen kommen ala „Das war doch schon immer so“ oder „Ich habe doch nichts zu verbergen“. Aber ich habe eine Menge zu verbergen und das ist verdammt nochmal, mein gutes Recht.

(Btw. Wenn ich in diesem Text so oft das Wörtchen „Recht“ genutzt habe, bezieht sich das einerseits auf den staatlichen Rechtsbegriff, den ich im Endeffekt natürlich ablehne und das „Recht auf Anonymität“, was ich hier proklamiert habe, soll auch eher normativ, sprich: ethisch begründet sein.)