Knäste wegsprengen!

Kawumm
In meinem alten Wohnort bin ich öfter an ein paar Gefängnissen vorbeigekommen, doch ein Blick nach innen war über die hohen, mit Stacheldraht versehenen Mauern nicht möglich und so soll es ja auch nicht sein – und ich weiß sowieso, wie ein Knast von innen aussieht. Viel schlimmer scheint die Alternativlosigkeit zu sein mit der die Gesellschaft die Existenz von Knästen rechtfertigt, Argumente dagegen werden von einer großen Masse sofort niedergebrüllt, egal, wie fundiert sie auch sein mögen. In Athen ist jetzt ein Bombe vor einem Knast explodiert, es gab keine Todesopfer, da vor dem Anschlag auch gewarnt wurde. Die letzten Anschläge gegen Knäste in der Bundesrepublik liegen hingegen noch etwas weiter zurück, dabei gibt es mehr als genug gute Gründe, gegen diese Institutionen etwas zu unternehmen.
Die Kritik an dem System des Einsperrens und Bestrafens ist nicht neu, schon Ende des 18. Jahrhunderts formulierte William Godwin, der auch zu den Begründer*innen des politischen Anarchismus zählt, eine harte Kritik am britischen Rechtssystem und dem Konzept der Knäste. Godwin schwebt statt einer Bestrafung durch Freiheitsberaubung, die seinen Worten nach, nahezu immer ungerechtfertigt sei, eine Art der „Resozialisierung“ vor, sprich, die Wiedereingliederung der „Straftäter*innen“ in die Gesellschaft. In letzter Konsequenz wünscht sich Godwin auch eine Gesellschaft ohne Staaten und Zwänge, wo natürlich auch Knäste nichts zu suchen haben, schließlich sind sie, auch heute noch, eins der größten Zwangsinstrumente der staatlichen Gewalt.
Ich kann Godwin nur in allen Punkten zustimmen und gehe sicher in einigen gar darüber hinaus. Eine Strafe für ein „Verbrechen“ ist in meinen Augen die völlig falsche Lösung, denn im Endeffekt wird den Straftäter*innen damit nur eingebläut, was ihnen vorgeworfen wird: Wer die Macht hat, hat das Recht. Der Staat setzt hier fast ausschließlich Gewaltmethoden ein, um die Täter*innen zu erziehen, Resozialisierungsmaßnahmen sind dagegen marginal. Doch mit welchem Recht nimmt sich der Staat eigentlich raus, Menschen ihrer Freiheit zu berauben oder gar, wie noch in vielen Staaten üblich, zu ermorden? Die Standard-Argumente reichen hier von dem inhaltsleeren „Strafe muss sein“ bis hin zum „Schutz der restlichen Gesellschaft“, doch haben diese Argumente meiner Meinung nach überhaupt keine Berechtigung.
Wenn Leute eingesperrt werden oder sonstwie bestraft werden, dann geschieht dies, weil sie eine Straftat begangen haben und da nach meiner Kenntnis noch keine Zeitreisen möglich sind, werden damit die begangenen Taten nicht ungeschehen gemacht, es handelt sich also teils um einen Rache-, teils um einen „Erziehungsakt“. Doch, wenn eine Person die „Regeln einer Gesellschaft“ verletzt, soll es die beste Maßnahme sein, ihn von dieser Gesellschaft zu trennen, damit er diese Regeln lernt? Das ist, tut mir Leid, es so direkt zu sagen, doch völliger Schwachsinn! Soziale Regeln erlernt mensch doch nicht alleine in einem stillen Kämmerlein, sondern im Kontakt mit anderen Menschen, daher ist das wegsperren von Straftäter*innen vollkommen kontraproduktiv. Natürlich haben sie im Gefängnis auch Kontakt zu anderen Menschen, aber das sind überwiegend solche, die auch „Regeln der Gesellschaft“ verletzt haben. Vielleicht eine Analogie: Weil irgendwelche Kinder in der Schule kein Mathe können, werden sie mit anderen zusammengesetzt, die es nicht können, aber ohne Lehrer*in. Kleine Frage: Welcher Lerneffekt wird da wohl eintreten? Na, so schwer ist die Antwort nicht.
Bleibt noch das Argument, dass der Staat so die Gesellschaft vor weiteren Straftaten schützt. Dieses Argument impliziert aber, dass alle Straftäter*innen potentielle Wiederholungstäter*innen sind, unabhängig ihrer Straftat und Motive, frei nach dem Motto, wer einmal das Gesetz gebrochen hat, wird es auch immer wieder tun. Doch ich frage mich, wie so ein Urteil, was ja ganz klar die Zukunft der jeweiligen Person betrifft, von irgendwelchen Richter*innen getroffen werden kann, oder sind die alle mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet? Und auch sonst finde ich diese Unterstellung unfair, denn, wenn ich mal wieder anhand eines Beispiel argumentieren soll: Eine Person klaut im Laden, weil sie nicht genug Geld zum Einkaufen hat. Die Lösung, um das Klauen einzustellen wäre ja ganz offensichtlich, der Person genug Geld zum Einkaufen zu geben und nicht, sie wegzusperren oder, wie tatsächlich oft gemacht, sie mit einer Geldstrafe nochmal zusätzlich belasten. Im letzteren Fall wäre das Vorgehen der Rechtsorgane sogar höchst kontraproduktiv.
„Aber wenn es keine Gefängnisse und Strafen mehr gibt, laufen ja alle herum und mordern und plündern wie sie wollen!“ Das wird der letzte Rettungsanker sein, die die Rechtsbefürworter*innen noch ins Feld werfen können. Fakt ist, Gesetze halten die Leute im Zweifel nicht davon ab, Straftaten zu begehen, sonst gäbe es nämlich heute keine Polizei und auch keine Gefängnisse. Mit diesen Institutionen werden aber nur die Symptome und nicht die Ursachen der „Kriminalität“ bekämpft, daher können sie dauerhaft gar nicht von Erfolg sein. Würde es nämlich allen Leuten gut gehen, hätten sie keinen psychischen Stress oder ökonomischen Druck, würden Verstöße gegen die „gesellschaftlichen Regeln“ nur noch äußerst selten oder gar nicht mehr stattfinden. Wer sich also eine friedliche Gesellschaft wünscht, sollte sich weniger Strafen und weniger Polizei wünschen statt immer mehr.
Ein weiterer Aspekt des staatlichen Strafsystems ist aber die Demonstration und die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols. In letzter Konsequenz bestimmt der Staat, was wir tun und was wir nicht tun dürfen, und wenn wir uns nicht daran halten, werden wir bestraft, besser kann mensch die eigene Macht doch nicht demonstrieren, oder? Dadurch, dass der Glaube an die Notwendigkeit des Straftsystems aufrecht erhalten wird, legitmiert auch letztendlich der Staat seine eigene Existenz. Daher dient das Strafsystem wahrscheinlich weniger der Gesellschaft, sondern vor allem dem Staat, auch unter der Beachtung, dass ja auch gegen politische „Straftäter*innen“ vorgegangen wird, teilweise mit eigens geschaffenen Gesetzen, die aber nur für den Staat bedrohlich sind, nicht für die Menschen, die auf „seinem“ Gebiet leben.
Eine anarchistische Gesellschaft stelle ich mir vollkommen ohne das archaische Instrument der Strafe vor. Wenn jemensch gegen aufgestellte Regeln verstößt, sollte dies aufgearbeitet und mit den Beteiligten diskutiert werden und nur im härtesten Fall sollte die Person dann der Gemeinschaft verwiesen werden, wenn sie nicht in der Lage ist, sich an die dortigen Regeln zu halten, die sie ja selbst mitgestaltet. Sicher lassen sich jetzt ein Haufen sehr emotionsgeladener Beispiele finden, die ich hier mit voller Absicht nicht erwähne, da diese eine sachliche Diskussion unmöglich machen und im Endeffekt nur zu Polemik führen würden. Ich denke aber auch, dass es trotzdem notwendig ist, diese Dinge zu diskutieren, auch wenn es manchmal sehr schwer fällt, da es doch von unserer Lebenswirklichkeit sehr weit weg ist, da wir ja selbst in kleineren sozialen Gruppen manchmal mit Sanktionen arbeiten, wenn Leute sich nicht an einen grundlegendem sozialen Konsens halten.
Das Thema „Knäste“ ist sicher schon groß diskutiert worden, das Thema „Strafe“ leider hingegen weniger, doch ich bin der Meinung, damit müssen sich alle auseinander setzen, die sich mal Gedanken über eine herrschafts- und gewaltfreie Gesellschaft machen wollen, denn „Strafe“ ist in meinen Augen fast immer ein Herrschafts- und immer ein Gewaltinstrument, egal, ob nun vom Staat oder von den Eltern oder von der Schule ausgeführt. Wer bestraft, hat Autorität und wer bestraft wird, hat sie nicht und solche ungleichen Verhältnisse will ich, zumindest in meiner Utopie, eigentlich nicht mehr sehen. Aber nun gut, das solls erstmal gewesen sein, ich muss noch viel erledigen heute, sonst gibt das nur Stress und Ärger ;) .


1 Antwort auf “Knäste wegsprengen!”


  1. 1 Kleingärtner 16. Mai 2010 um 19:28 Uhr

    Das Gefängnisse und die Archaische Institution der Bestrafung bzw. der Ausschluss aus der Gesellschaft ein falscher wie idiotischer Weg ist, wurde im Beitrag bereits darauf eingegangen.
    Mir persönlich ist es nochmal wichtig auf den Haftalltag in Gefängnissen einzugehen um aufzuzeigen wie dieser Alltag abläuft und warum gerade deswegen auch Freiheitsstrafen ein falscher Weg sind um Menschen in die Gesellschaft wieder einzugliedern, wie es von Staatswegen so schön heißt.

    Wenn mensch nicht gerade das Glück hat im Offenen Vollzug zu landen oder in einer JVA die „Freizeit“ über die gesetzlich verankerten 60 Minuten hinaus gewährt, so ist mensch nämlich ziemlich auf sich allein gestellt und nahezu ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.
    Es ist nämlich jeder JVA selbst überlassen wie sie den Haftalltag gestaltet. Beispielsweise Gibt es Anstalten in denen es die 60 Minuten Freigang gibt und 23 Std. am Tag Einschluss gilt. Soll heißen, jede_r Gefangene auf ihrer/seiner Zelle. Wer da nicht eine Mehrbettzelle hat, wird schnell vereinsamen. Wobei es da auch zu beachten gilt das mensch mit seinen Mitgefangenen zu recht kommt. Was nicht gerade einfach ist. So ist in Männergefängnissen doch Sexismus und Rassismus trauriger Alltag. Wer sich dort nicht nach dem gängigen Männerbild behaupten kann. Verliert im Grunde seinen menschlichen Wert. Mobbing und körperliches Drangsalieren/Misshandeln bleibt da oft nicht aus. Worauf ich hinaus will ist das mensch im Haftalltag gar nicht die Möglichkeit hat sich „resozialisieren“ zu lassen. Denn unter den Gefangenen dominiert wie erwähnt eine Rangordnung die es so in der Gesellschaft draußen gar nicht gibt. Kontakt nach außen zu Familie&Freunde sind auch auf ein minimales begrenzt. Sowohl Zeitlich auf Wenige Stunden, sowie von den Personen die einen Besuchen dürfen bei einem Besuch. Denn Kinder ab dem 6. Lebensjahr gelten bereits als Erwachsene bei Gefängnisbesuchen. Hat mensch also 3 Kinder im Alter von 6,7 und 8 Jahren, so wird mensch sie nie alle 3 Zeitgleich zu Gesicht bekommen wenn 3 Erwachsene Besucher Gestattet sind und noch eine Volljährige Person bei den Kindern bei sein muss. Der Mensch ist im Haftalltag mit viel zu vielen Dingen beschäftigt gedanklich als das überhaupt der Kopf frei wäre für soziale Trainings- und wieder in die Gesellschaft Eingliederungsprogramme. Sofern diese generell über „Beschäftigungstherapie“ hinaus gehen. Mein Fazit ist, das in Gefängnissen neben der ISOLATION statt Resozialisierung, Rassismus, Sexismus und Gewalt, physische wie seelische alltäglich sind. Dies muss auch nicht ausschließlich von den Gefangenen ausgehen! Probleme der Haft könnte ich noch viele weitere aufzählen, sei es die Zensur von Post oder dass es beim Essen keine vegane oder überhaupt vegetarische Alternative gibt. Ich persönlich habe es auch schon erlebt vergessen zu werden als es zum Hofgang ging und musste auf meine 60 Minuten frische Luft verzichten. Als Trost gab es von den Beamt_innen ein „Oh da haben wir sie heute vergessen!“ Da dies ja nur ein ergänzender Kommentar sein soll will ich auch gar nicht groß weiteres schreiben. Da lohnt es sich vielleicht doch eher nochmal mit einem Eignen Artikel ausführlich auf das alltägliche Leben und seine Problematik in einer JVA in Deutschland einzugehen.

    Besonders am Herzen zu erwähnen liegt mir aber noch zu erwähnen das wenn mensch mal ein paar Bücherkisten erbt, auf dem Boden oder im Keller entdeckt nicht gleich zum Flohmarkt zu bringen sondern vielleicht der JAA oder JVA in der Umgebung zu spenden. Denn die Qualität der Anstaltsbibliotheken sind mehr als dürftig. Es würde mich auch interessieren ob es nicht irgendwo, eventuell im Netz sogar, einen Pool für Anschriften von Gefangenen gibt. Schriftverkehr ist nämlich eine willkommene Abwechslung und Hilfe zur Bewältigung des Freiheitsentzuges.

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