Antifa heißt…

Ausgeschieden!
… Ballack mal so richtig turnierunfähig foulen. Es ist quasi das schlimmste passiert, was nur passieren konnte, in Bangk…, ich meine die Ölpe…, nein, natürlich wurde „Ballack“ potentieller Star und „Kapitän“ so schlimm gefoult, dass er wohl nicht an der kommenden Fußball-WM in Südafrika teilnehmen kann. Und darüber sind natürlich viele national betrunkene Fans äußerst erbost. Ich hingegen möchte mich noch einmal ausdrücklich bei Kevin-Prince Boateng bedanken, der so hoffentlich ein frühes Ausscheiden des bundesdeutschen „Nationalteams“ und somit ein ebenso hoffentlich frühes Ende eines ekelhaften Fußball-Patriotismus herbeiführt. Vielen Dank nochmal! Umso schneller der nationalistische Spuk vorbei ist, umso besser – schon schlimm genug, dass das überhaupt wieder anfängt.
Ich erinnere mich noch sehr ungern an die Jahre 2008 und besonders 2006, als eine blöde Fußball-WM zu einem „Sommermärchen“ hochstilisiert wurde und Menschen sich über den „wiederentdeckten Patriotismus“ in der Bundesrepublik freuten. Ich konnte auch gut ohne diesen idiotischen Patriotismus leben (der sich übrigens nicht klar vom Nationalismus abgrenzen lässt) und wie mich diese 3-Farben-Kombination ankotzt, könnt ihr euch sicher denken. Aber wehe, mensch erhob seine Stimme gegen diesen unkritischen und unreflektierten Umgang mit nationalen Symbolen, dann war mensch sofort der Buhmensch und wurde als „Miesmacher*in etc.“ bezeichnet und war sofort außen vor. Aber wen wundert es, schließlich ist der Ausschuss von „Anderen“ schon immer Teil des Nationalismus/Patriotismus gewesen.
Diejenigen, die sagen, es ginge nur um Sport, verkennen die Tatsache, dass die Farben und die Flaggen die überall zu sehen sind, keine eindeutig auf den Sport bezogene Bedeutung haben. Diese Flaggen und Farben sind die Symbole eines Staates, der Krieg führt, Menschen sozial und ökonomisch entrechtet und Leute aufgrund ihrer Herkunft rassistisch diskriminiert und abschiebt. Die Reduktion der Symbole auf der Sport ist eine unzulässige Verkürzung und Ausblendung der realen Probleme, ein krasses Verschließen der eigenen Augen. Das hat auch nichts mit „Miesmachen“ zu tun, es ist einfach die alltägliche und unschöne Realität, die hier ausgeblendet wird – hinter einem dreifarbigen Schleier.
Gerade die aktuelle Kontroverse um das Foul von Boateng zeigt, wie weit sich dieser Nationalismus wieder treiben lässt. Da ich, wie bereits bekannt sein sollte, keinen Facebook-Account habe, kann ich die Hasstiraden, die in einer Anti-Boateng-Gruppe auftauchen, glücklicherweise nicht sehen, aber dort sollen Forderungen nach einer „lebenslangen Sperre“ noch zu den harmloseren Aussagen gehören. Wer sich also dem „nationalen Erfolg“ in den Weg stellt, muss mit Konsequenzen rechnen – und wer „dazugehört“ wird auch nach rassistischen/nationalistischen Kriterien bestimmt, da kann nicht einfach jede*r mitmachen. Denn wer nicht ihr/sein „eigenes“ Land vertritt, wird schon manchmal kritisch beäugt und was soll denn schon dabei sein, wenn mensch mal die dritte Strophe des Deutschlandliedes singt?
Alle diejenigen, die sich eine solidarische und freiheitliche Gesellschaft ohne Grenzen wünschen, werden zwangsweise ein Problem mit diesem „Nationaltaumel“ haben. Als Anarchist*in lehne ich jegliche Form des Nationalismus innerhalb und außerhalb der Stadien natürlich ab – sowas geht eigentlich gar nicht und gehört, wie so viele andere Dinge, auf den Müllhaufen der Geschichte. Und Sport (in diesem Fall Fußball) lässt sich auch nicht einfach in die Sphäre des „Unpolitischen“ schieben, denn diese Sphäre existiert nicht. Das vermeintlich „Unpolitische“ ist nämlich selbst hoch politisch, da es zwar politische Aussagen zu vermeiden versucht, aber dadurch dennoch implizit Aussagen trifft und wenn es um Nationalismus geht, der immer einen Auschluss produziert, kann das gar nicht „unpolitisch“ sein. Ich glaube, diese Aussage wird nur vorgebracht, weil viele Menschen einen Ausweg aus dem „Politischen“ suchen und meinen, ihn zu finden, wenn sie sich nicht positionieren, aber wer sich zu Krieg, Ausbeutung und Rassismus nicht positioniert, der macht damit auch eine Aussage, nämlich jene, dass diese Mechanismen unter Umständen auch „in Ordnung“ sein können.
Überhaupt gibt es da so einige Beispiele aus der sportlichen Ecke, wo plötzlich der Sport über eigene politische Ideale gestellt wurde – da ist plötzlich die Vereinszugehörigkeit wichtiger als die politische Einstellung. Oder da werden dann alle, wenn sie beim „Public Viewing“ ihrem Lieblingsteam zujubeln zu einer „Einheit“, die alle Unterschiede nivelliert. An dieser Stelle erspare ich mir einen Vergleich mit einem Konzept aus einer totalitären Ecke, dass auch alle „Mitglieder“ einer bestimmten „Gruppe“ zu einer „Gemeinschaft“ zusammenfassen will, die eine „Schicksalsgemeinschaft“ sein soll und die mitunter unlösbaren Unterschiede innerhalb einer solchen „Gruppe“ einfach ausblenden und aus der Welt schaffen will.
Doch, wenn es wieder Fähnchenzeit ist, wird der Gegenwind sehr stark, wenn auch nur für eine Weile. Dann nehmen alle die nationalistischen Ausschlüsse hin, die dann während eines Monats alltäglich sein werden, so wie die meisten die sexistischen und rassistischen Ausschlüsse hinnehmen, die auch sonst immer alltäglich sind. Zu Sexismus und Rassismus kann ich ja dann noch speziell etwas schreiben, wenn die WM im Gange ist, Zeit dazu wird bestimmt genug sein. Ich wünsche mir jedenfalls, dass das bundesdeutsche Team schon in der Vorrunde ausscheidet und die Nationalismusperiode möglichst kurz sein wird und vielleicht auch einige Menschen anfangen, über den Schwachsinn nachzudenken und zu dem Schluss kommen, dass Nationen nur Konstrukte sind, die dazu dienen, Menschen willkürlich voneinander zu trennen. Zum Schluss noch etwas passende Musik :) .


3 Antworten auf “Antifa heißt…”


  1. 1 nicht nowendig 23. Mai 2010 um 22:29 Uhr

    stimmt zwar dass die Wm bei manchen leuten den nationalismus fördet
    aber alles auf die wm zu schieben und total traurig zu sein, dass so viele leute sich freuen, wenn die dfb-auswahl gewinnt ist auch nicht richtig.
    so gibt es viele leute die nach der wm mit deutschland nichts am hut haben: Also nicht alles in einen topf werfen und die anti-d rethorik von egotronic über alles stelln.
    man kann sehr wohl ein kritisches verhältnis zu Deutschland haben und auch freude an der Wm haben

  2. 2 Peter 16. Juni 2010 um 14:18 Uhr

    Die Grafik stammt im übrigen von der website www.vorrundenaus.de auf der sich eine Reihe lesenswerter Texte zum Thema Fußball und Politik (insbesondere Nationalismus, Rassismus, Geschlechterverhältnisse und Sicherheitspolitik) befinden.

  1. 1 Partynationalismus for Dummies « viva la autonomia Pingback am 11. Juni 2010 um 10:45 Uhr
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