Es ist Raub!

Kunstraub
Wieder einmal wurde ein wertvolles Kunstwerk gestohlen und nun ist eine Ausstellung wieder um ein Anschauungsobjekt ärmer. Im Gegensatz zum Falschbegriff „Raubkopie“ wird bei einem Kunstraub tatsächlich etwas entwendet, was dann fehlt; wenn es nur eine Kopie war, war es dann halt nur ein Kopienraub oder Kopiendiebstahl – absurde Wortklauberei. Dennoch gibt es auch Leute, die meinen, Kunstraub trage zum Wert und zur Bedeutung der Kunst bei, denn, wenn sie nicht wertvoll wäre, wäre sie doch kein begehrtes Objekt für die Räuber*innen. Fraglich ist nur, welchen Nutzen oder welchen Vorteil die Allgemeinheit von einem solchen „Kunstraub“ haben kann, denn eigentlich sollten Kulturgüter allen zugänglich sein.
Solange Kunst nicht in Privatbesitz ist, ist sie ja prinzipiell allen zugänglich – moment, nein, es gibt ja sowas wie „Copyright“, sprich, mensch muss für das ansehen, lesen, anfassen, spielen oder anhören von Kunst idR bezahlen, damit die Künstler*innen bzw. die Vertriebe entsprechend entlohnt werden. Sicher, Street-Art ist meist frei zugänglich, aber das mögen ja auch nicht alle. Klar, in Museen und Galerien ist der Eintritt nicht exorbitant teuer und manchmal sogar frei, aber da es auch begrenzte Öffnungszeiten gibt, ist sowas ein bestenfalls eingeschränkt freier Zugang zur Kunst. Ein völlig freier Zungang würde mehr Geld kosten, was aber von den Verantwortlichen meist lieber für andere Zwecke ausgegeben wird als für Kulturförderung.
Und hier habe ich nur Kunststücke wie Bilder oder Skulpturen erwähnt. Wenn es um Musik, Spiele oder Filme geht, kann mensch diese ohne Geld gar nicht „legal“ genießen. Einerseits werden gewisse Abspielgeräte benötigt, die Geld kosten, andererseits müssen die Kunstwerke selbst bezahlt werden und können dann teilweise (wie etwa im Kino) nicht einmal so oft angeschaut werden, wie mensch sie anschauen will. Wem das Geld fehlt, die/der ist also von der Teilhabe an der gesellschaftlichen Kultur fast völlig ausgeschlossen, nur fast, da es auch ein großes Angebot an kostenfreien Möglichkeiten gibt. Ohne Teilhabe an der gesellschaftlichen Kultur kann mensch nicht mitreden und ist außen vor, inbsbesondere, wenn mensch bedenkt, dass meist die Menschen von einem kulturellen Ausschluss betroffen sind, die bereits am Rande des Gesellschaft stehen.
Im Kapitalismus ist auch der gesamte Kulturbetrieb den Systemlogiken unterworfen, was bedeutet, das Profit erwirtschaftet werden muss, Kulturgüter zu Waren geworden sind und dass die Ausbeutung von Arbeitskraft zum Alltag gehört. Es mag auch ein paar freischaffende Künstler*innen geben, die diesem Prinzip trotzen, die aber entweder schon finanziell abgesichtert sind oder aufgrund ihrer Unabhängigkeit keine größere Aufmerksamkeit erreichen können. Die Konsequenzen daraus sind vor allem, dass Kulturgüter wie Musik, Bilder, Spiele oder Filme nicht mehr der Allgemeinheit gehören, sondern irgendwelchen Unternehmen, die Verletzungen „ihrer“ Rechte teilweise mit rigiden Methoden verfolgen.
Meiner Meinung nach sollten Kulturgüter allen Menschen frei zugänglich sein, schließlich ist dieser Zugang eine Voraussetzung für die Teilhabe an der Gesellschaft überhaupt. Ich sehe es ein, dass im Kapitalismus die Menschen Geld zum Überleben brauchen und dazu genötigt sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, das gilt ohne Ausnahme auch für die Künstler*innen. Aber in meinen Augen braucht kein Mensch mehrere Millionen, nur weil er oder sie einfach herumklimpert, herumkritzelt oder etwas schreibt. Dazu kommt, dass der Großteil der Profite so oder so an die sogenannte „Content-Industrie“ geht und die Künstler*innen nur einen kleinen Teil des Erlöses aus den Verkäufen erhalten. Durch das Internet bricht diese Abhängigkeit und dieses Ausbeutungsschema mehr und mehr auf, da sich Künstler*innen nun selbst vermarkten und verkaufen können und sogar Teile ihrer Werke verschenken, um Interesse zu wecken.
Der sogenannten „Content-Industrie“ ist sowas natürlich ein Dorn im Auge (Ohr, Finger…), aber bisher haben es auch nur bekanntere Künstler*innen auf diesem neuen Weg geschafft, die meisten anderen sind noch auf die „Content-Industrie“ angewiesen, um überhaupt bekannt zu werden. Sollte es jedoch eines Tages dazu kommen, dass sich alle möglichen Künstler*innen selbst gut verkaufen können, ohne auf die CI angewiesen zu sein, dann sind die Tages derjenigen gezählt, für denen der Begriff des „geistigen Eigentums“ heiliger ist als der Gral. Doch alle Plattformen, die so etwas ermöglichen könnten, werden bisher von der CI meist massiv unter Beschuss genommen, dennoch glaube ich, dass diese ihren (zumindest teilweisen) Untergang langfristig nicht mehr aufhalten kann.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal kurz den Begriff des „Eigentums“ ansich zerlegen. Das Eigentumsrecht, welches heute existiert, zementiert grundätzlich die sozialen Unterschiede und schützt vor allem die, die Eigentum besitzen. Auf die Frage, nach dem, was Eigentum ist, antworte schon im 19. Jahrhundert der Anarchist Proudhon mit der Phrase, die auch im Beitragstitel steht: „Es ist Raub!“. Er proklamierte, dass es keine Begründung für das Eigentumsrecht gäbe und es somit nichtig sei. Denn alle Begründungen wie das „Recht der ersten Inbesitznahme“, oder das „Recht der Erwirtschaftung“ sowie ähnliche Dinge, lösten sich bei näherer Betrachtung in Wohlgefallen auf. Womit lässt sich dann also das Eigentum an einem Kunstwerk begründen?
Natürlich ist die Perspektive einer eigentumslosen Gesellschaft mehr als nur utopisch, ist ja die heutige Gesellschaft und ihre (Wirtschafts-)Ordnung vollkommen auf das Konzept des Eigentums gebaut. Doch gerade im Bereich der Kulturgüter sehe ich die leise Chance, dieses Konzept zumindest teilweise aufzubrechen, bei der es auch heutige, systemimmanente Lösungen geben kann, wie etwa die „creative commons“, die Urheber*innenrechte schützen können, ohne gleich kommerziell zu sein oder auch die wunderbare GPL. Dies mögen zwar nur erste Schritte auf einem langen Weg sein, doch können diese die vorherrschende, kommerzielle Eigentumskultur etwas anknacksen. Bis dahin müssen wir uns halt auf „illegalem“ Wege kulturell bereichern ;) .