„Hypermaskuline“ Verlängerung

Autos und Prollerei
Manche wissenschaftliche Studien bringen Ergebnisse, die wirklich keinen Menschen überraschen. So hat letztens die Universität in Montreal einen Versuch gemacht, inwiefern „hypermaskuline“ (sprich: sexistische) *Männer* sich im Straßenverkehr in einer Testsituation verhalten würden. Und, oh Wunder, es kam heraus, dass diejenigen *Männer*, die besonders „hypermaskulin“ (eigentlich ist das ein Schimpfwort) waren, besonders rücksichtslos und schnell gefahren wären. Raserei ist ja kein neues Phänomen und es verwundert auch nicht, dass es gerade eine bestimmte Gruppe von *Männern* ist, die dadurch nun speziell auffällt.
Nun war der Test zur Feststellung der „Hypermaskulinität“ vor allem dadurch gekennzeichnet, dass dort sehr offensichtliche sexistische Antworten möglich waren, sprich: Es wäre leicht gewesen zu lügen, aber es soll ja doch Menschen geben, die dem Irrglauben anhängen, der Intellekt hätte etwas mit dem „Geschlecht“ zu tun. Jedenfalls wäre es keine Begriffsverschiebung, wenn mensch statt „hypermaskulin“ wahlweise „sexistisch“ und/oder „patriarchal“ nutzt, das bedeutet in meinen Augen etwa dasselbe. Dies korreliert wohl auch stark mit „Prollgehabe“ und darauf folgt schon fast zwangweise eine grässliche Fahrweise im Straßenverkehr. Wenn solche Personen nur unter sich fahren würden, wäre das weniger schlimm, aber meist werden ja andere Verkehrsteilnehmer*innen in sowas reingezogen.
Desweiteren sollen sich entsprechende Personen auch persönlich angegriffen fühlen, wenn sie bspw. angehupt werden oder ähnliches, da diese das Auto als „Teil ihrer selbst“ sehen. Das habe ich sowieso noch nie verstanden, diese Vernarrtheit in irgendwelche Gebrauchsgegenstände, inbesondere bei Autos, wo kleine Kratzer schon einen Weltuntergang bedeuten und es zu Schlägereien kommen kann, wenn mensch sich mal die Vorfahrt nimmt. Daher mag ich Autofahren (obwohl ich nie selbst fahre mangels Erlaubnis) auch nicht gerne, weil die Menschen dort immer so unfreundlich zueinander sind und oft sehr aggressiv reagieren – so, wie sie bei einem persönlichen Kontakt nie reagieren würden. Mensch hat halt wohl nicht nur den Körper mit einem Blechkasten umhüllt.
Die Studie kommt dann auch zu dem Schluss, dass Menschen mit solchen Charakterzügen im Straßenverkehr eine Gefahr für andere darstellen können. Damit wäre ein weiteres – neben den Milliarden, die es bereis gibt – Argument gegen Sexismus und mackeriges Verhalten geliefert, diesmal sogar mit wissenschaftlicher Unterstützung. In einer patriarchalen Gesellschaft ist es wohl nicht verwunderlich, dass diese Rolle vor allem von *Männern* ausgefüllt wird, wenn auch nicht exklusiv. Warum irgendwelche Depp*innen sich aber immer miteinander messen müssen, um zu schauen, wer die/der Beste ist, will mir nicht in den Kopf, aber vielleicht hat das auch mit dem Konkurrenzprinzip des Kapitalismus zu tun.
Fakt ist leider, dass Sexismus und „Macker*innentum“ in der heutigen Gesellschaft weit verbreitet und auch akzeptiert sind, sogar bis in sogenannte „emanzipatorische“ Gruppen hinein, die es dann teilweise nicht einmal merken. Wer immernoch leugnet, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, verkennt die realen Verhältnisse, die ökonomische Ungleichheiten und Abhängigkeiten sowie Ausschlüsse gegen Personen, die nicht in ein gewisses Rollenbild passen, produziert. Hiervor die Augen zu verschließen, spielt nur denjenigen in die Hände, die sich einen anti-feministischen Rollback wünschen.
Die Kategorisierung von Menschen nach ihrem „Geschlecht“ ist eines der ersten Dinge, die wir im Laufe unserer Sozialisation lernen und auch vollkommen verinnerlichen. Wenn uns Leute auf der Straße begegnen, ordnen wir sie in eine von zwei Kategorien ein, die uns in unseren Verstand eingebrannt worden sind, unabhängig davon, wie sich diese Menschen selbst einordnen würden wollen. Mit diesen Kategorien sind nahezu immer gewisse Rollenzuschreibungen verbunden, die meisten von uns haben klare Vorstellungen davon, wie sich *Männer* oder *Frauen* zu verhalten oder/und zu kleiden haben. Personen, die sich nicht daran halten, werden schief angeguckt und schnell ausgegrenzt.
Wenn wir diese Zuordnungen nun aber ablehnen und unser Leben nach unserem Gusto gestalten wollen, ohne auf so komische, willkürliche Kategorien zu achten, prallen wir ganz schnell auf eine Mauer des Widerstands. Da diese Kategorien als so selbstverständlich hingenommen werden und niemals in Frage gestellt werden, wirkt für die meisten Menschen ein Ausbruch aus jenen als etwas ganz und gar Unsinniges und Unmögliches. Die meisten ordnen sich einfach unter und passen sich den Zuschreibungen an, weil dies ein einfacheres Leben verspricht, obwohl dabei sicher viele Abstriche bezüglich ihrer Wünsche machen müssen. Es ist aber auch vielleicht etwas viel verlangt, von allen möglichen Menschen zu erwarten, dass sie gegen feste gesellschaftliche Konventionen verstoßen.
Dazu fällt mir häufig ein total triviales Beispiel ein, was diesen Irrsinn gut beschreibt. Wir stellen uns eine Hochzeits-Situation vor (ja, auch gerne schön spießig), jedoch mit dem einzigen Unterschied, dass der *Mann* das Kleid trägt und die *Frau* den Anzug. Die beiden Personen tragen diese Klamotten aber nur aus dem simpelst möglichen Grund: Weil sie sie am liebsten mögen. Dafür Akzeptanz zu finden, dürfte nicht so leicht sein, wie es eventuell scheinen könnte, zumal mensch sicher auf viele Vorurteile stoßen würde. Doch dieses Beispiel zeigt, welche Folgen es haben könnte, wenn Menschen nur aufgrund ihrer persönlichen Präferenz uralte gesellschafte Konventionen brechen.
Jetzt neigt sich dieser Beitrag schon wieder dem Ende zu und ich bin auf einige wichtige Punkte noch gar nicht eingegangen, wie etwa Sexismus und Macker*innen innerhalb einer sich als „antisexistisch“ verstehenden Szene oder auf andere Strukturen gesellschaftlichen Sexismus. Dann muss es halt noch andere Beiträge dazu geben. Nebenbei: Vielleicht ist euch aufgefallen, dass ich in diesem Beitrag die Geschlechtsbezeichnungen wie *Mann* oder *Frau* in Sternchen gesetzt habe. Das habe ich deswegen getan, weil ich der Meinung bin, dass diese Geschlechtskategorien willkürlich gesetzt sind und es in Wirklichkeit so etwas wie „Geschlecht“ eigentlich gar nicht gibt, sondern, dass es bloß konstruiert ist, sowohl im sozialen als auch im biologischen Sinne, aber darauf werde ich später noch einmal genauer eingehen. Zum Schluss überlasse ich euch noch kommentarlos ein Zitat bezüglich der genannten Gruppe aus der Studie, ihr könnt euch dazu denken, was ihr wollt: „Sie betrachten Autos als eine Verlängerung ihrer selbst […].“


6 Antworten auf “„Hypermaskuline“ Verlängerung”


  1. 1 blabla 30. Mai 2010 um 23:35 Uhr

    lol anachist und scherrt sich um ne erlaubnis um autofahrn zu dürfen^^
    nicht wirklich nen argument da der führerschein auch nicht ausdrück ob man fahren kann sondern ob man darf

    desweiteren vermengste ob sexismus und mackertum, obwohl diese nicht unmittelbar zusammenhängt.
    tritt zwar häufig zusammenaus ist aber was unterschiedliches.
    sexismus= system in dem ein geschlecht über der andere macht aus übt(bei uns mann über frau) und verhalten der machtausübung, verbal und auch anders, aber immer aufs geschlecht bezogen
    mackertum= individuelle einstellung bei der dominanz gezeigt wird, häufig sehr unreflektiert und auf die eingene erhöhung abgezielt

  2. 2 Chrisz 31. Mai 2010 um 12:43 Uhr

    „und es in Wirklichkeit so etwas wie „Geschlecht“ eigentlich gar nicht gibt, sondern, dass es bloß konstruiert ist, sowohl im sozialen als auch im biologischen Sinne“

    Das biologische Geschlecht ist nur konstruiert? Gesellschaftlich? Kannst du das nochmal näher erläutern? Die biologischen Geschlechtsmerkmale sind doch offensichtlich und klar zu trennen?! Klar, es gibt vereinzelt Zwitter, und Leute die durch medizinische Eingriffe ihre biologischen Geschlechtsmerkmale verändern, aber letztlich gibt es doch so etwas wie ein „biologisches Geschlecht“. Die Frage ist nur, wie mensch sozial damit umgeht. Oder?

  3. 3 Widersprechen 01. Juni 2010 um 12:14 Uhr

    Es ist nen fehler das du versuchst alle unterschiede zwischen menschen zu negieren.
    weil es diese unterschiede einfach gibt!!!
    dein fehler ist das du diversität mit diskriminierung gleich setzt.
    nur weil es unterschiede gibt und diese auch wahrgenommen werden, heißt es nicht das es eine unterdrückung gibt. theoretisch zu mindest, das dies momentan nicht gibt ist wohl alles klar, aber wenn man die unterschiede negiert führt es wiederum zu einer diskriminierung

  4. 4 duab 04. Juni 2010 um 1:09 Uhr

    Aufgrund der vielen Kommentare sehe ich mich doch genötigt, hier ein wenig darauf zu antworten.

    @blabla
    Ja, in dem Beitrag werden Macker*innentum und Sexismus etwas vermengt, das ist aber auch schon in der durchgeführten Studie angelegt. Ich bin mir sehr wohl über die Differenzen bewusst, jedoch ging es im Falle der Studie nur um „Hypermaskulinität“, was faktisch eine Vereinigung von Mackertum (in diesem Fall ging es ja nur um *Männer*) und Sexismus war.

    @Chrisz
    Das mit dem biologischen Geschlecht ist tatsächlich nicht so einfach, wie es scheint, denn das lässt sich auch nicht alleine an den äußeren Geschlechtsmerkmalen oder an den Chromosomen ausmachen, sondern ist etwas komplizierter. Auch in der modernen Molekularbiologie kommt mensch inzwischen immer mehr dazu, von einer „Vielzahl von Geschlechtern“ zu reden anstatt von vbloeß Zweien.
    Hier mal ein Link dazu: http://dasendedessex.blogsport.de/

    @Widersprechen
    Was ich im Beitrag gesagt habe und was sich auch leicht wissenschaftlich belegen lässt, wenn mensch auf sowas Wert legt, ist, dass „Geschlecht“ konstruiert ist, sprich, die „Unterschiede“, die du hier proklamierst, existieren eigentlich gar nicht wirklich, sondern werden nur von den handelnden Personen in der Gesellschaft tagtäglich reproduziert.
    Und ich sage ja auch gar nicht, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt, sondern nur, dass diese Unterschiede, welcher Art sie auch sein mögen, sich nicht auf Kategorien wie „Mann“ oder „Frau“ reduzieren lassen.

  5. 5 Widersprechen 11. Juni 2010 um 11:36 Uhr

    @duab
    nicht Geschlecht ist konstruiert sondern „Gender“, also die interpretation von geschlecht.
    das biologische Geschlecht „sex“ ist NICHT konstruiert sondern auch biologisch anhand unterschiedlicher konzentrationen von Hormonen im körper nachweißbar.
    natürlich gibt es unzählige kategorien zum differenzieren, wie zb.
    schwarz – weiß
    hetero- homosexuelle
    reich – arm
    alt – jung
    aber auch Mann – Frau
    es sollte natürlich nicht nur auf mann -frau reduziert werden, aber diesen unterschied zu negieren ist der falsche weg.
    nen tipp lies mal feministische Intersektionalitätstheorien ^^
    Davis, Kathy (2008). Intersectionality as buzzword – a sociology of science perpective on what makes a feminist theory successful.

  6. 6 duab 22. Juni 2010 um 15:24 Uhr

    @Widersprechen
    Neuste biologische Erkenntnisse zeigen aber, dass es mit dem eindeutigen „sex“ gar nicht so weit her ist. Hormonkonzentrationen sind individuell und unabhängig vom „sex“, selbst die Ausbildung von äußerlichen Geschlechtsorganen korreliert nicht immer mit den X-Y-Chromosomen, die übrigens auch nicht die einzigen sind, die einen Einfluss auf das „sex“ haben.
    Die Kategorien „Mann – Frau“ sind also auch auf der biologischen Ebene konstruiert.
    Deine Aufzählung von Kategorien finde ich übrigens problematisch, da bspw. „arm – reich“ eine ganz andere Art und Weise der Einteilung ist wie z.b. „Mann – Frau“. Du wirfst da ein paar Sachen zusammen, die meiner Meinung nach nicht zusammen gehören. Soziale Verhältnisse und konstruiert-biologische Kategorien sind in meinen Augen doch etwas völlig anderes.
    Achja, diese Dichotomie von „schwarz – weiß“, falls du damit auf die Hautfarbe anspielst, ist auch schon überholt.

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