Der Mythos der virtuellen Sozialität

Freund*innen
Immer mehr Menschen haben immer mehr Freund*innen – vor allem in Facebook, Studivz, bei Twitter und Myspace oder auch einfach nur in einem beliebigen „Instant Messenger“. Doch bedeutet der virtuelle Kontakt auch mehr sozialen Kontakt? Eine Studie kam zu den Ergebnissen, dass sich trotz allem eine große Anzahl von Menschen einsam fühlt und viele Einsamkeit auch als einen Makel ansehen würden. Fast alle Befragten haben sich bereits einmal einsam gefühlt, wenn auch nicht unbedingt über einen längeren Zeitraum hinweg. Doch müssten uns die neuen Medien nicht eigentlich die Möglichkeiten zur Hand geben, um nicht nur zig, sondern gleich tausende Menschen kennenzulernen?
Sicher kann die Studie nicht endgültig belegen, dass die Einsamkeit in der Gesellschaft zunimmt, aber faktisch gibt es tatsächlich immer mehr Single-Haushalte und alleinerziehende Elternteile. Das muss natürlich noch nicht heißen, dass diese Personen, die mehr oder minder alleine leben, auch einsam sind. Soziale Kontakte haben die meisten Menschen wohl so oder so außerhalb des eigenen Haushalts, wobei ich es persönlich vorziehen würde, auch mit den Personen, die ich besonders gerne mag, zusammenzuleben. Dazu boomen ja auch Veranstaltungen wie Festivals, wo mensch viele andere Leute trifft und sich kaum aus der sozialen Gruppe entziehen kann – es ist fast unmöglich, auf Festivals keine Leute kennenzulernen.
Weiterhin wird in der Studie erwähnt, dass die moderne Lebensweise soziale Kontakte immer mehr und mehr erschweren würde. So ist mensch durch Arbeitszeiten und Arbeitsort gezwungen, alte Bekanntschaften zu vernachlässigen, was ziemlich blöde sein kann. Natürlich kann mensch auch immer neue Freund*innen finden, aber soziale Beziehungen werden über lange Zeit aufgebaut und solche lassen sich nicht einfach nur irgendwelche „Bekanntschaften“, die mensch erst ein paar Wochen kennt, ersetzen. Aber ich muss hier ja nicht alles schwarzmalen, denn durch einen Tapetenwechsel ergeben sich manchmal ganz neue Erfahrungen und Lebensperspektiven, die ganz schön wertvoll sein können.
Was ich aber defintiv sagen kann, zumindest aus meiner eigenen Position heraus, ist, dass virtuelle Kontakte reale Kontakte nicht ersetzen können. Es geht doch nichts über ein intensives Gespräch zwischen Freund*innen bei einem Spaziergang, dagegen sind Chats absolut oberflächlich und plump. Für mich ist es einfach etwas vollkommen anderes, dem Gegenüber auch in die Augen sehen zu können und sie/ihn zum Abschied/zur Begrüßung einmal herzlich zu drücken, das kann kein Programm und auch kein *Drück* (bzw. *Redrück*) ersetzen. Und wer kennt nicht den Schmerz im Herzen, wenn mensch sich von Freund*innen verabschieden muss und weiß, mensch wird sie eine Weile nicht wiedersehen – sowas gibt es nur im realen Leben und nicht im Netz.
Zweifellos bieten die Netzwerke und Kommunikationsmedien im Internet Möglichkeiten, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die mensch sonst schon lange aus den Augen verloren hätte. Dennoch sollte mensch immer bedenken, dass die Zeit, die mensch am Rechner verbringt, dann für RL-Kontakte fehlt. (Toll, und das aus dem Munde einer*s Blogger*in…) Umgekehrt wird es kaum von Nachteil sein, wenn mensch seine wichtigsten sozialen Kontakte nur im RL hat und kaum das Netz für sowas nutzt, in den vorherigen Generationen hat es ja auch funktioniert. Vielleicht bin ich in diesem Fall auch etwa unfair gegenüber der „virutellen Welt“, denn es steht mir wohl kaum zu, zu bewerten, für welche Menschen welcher Raum, ob nun „real“ oder „virtuell“ nun von größerer Bedeutung ist.
Ich habe im Zusammenhang mit antikapitalistischen Theorien mal vom Prinzip der „Vereinzelung“ gehört. Zwar vernetzen sich die Menschen immer mehr, aber im ökonomischen Rahmen sind die Individuen doch letztendlich immer auf sich selbst gestellt, stehen in Konkurrenz zu allen anderen und müssen in erster Linie für ihr eigenes ökonomisches Überleben kämpfen. Gewerkschaften versuchten in vergangenen Jahrzehnten diesem Prozess, teilweise sehr erfolgreich, entgegenzusteuern, aber der Organisationsgrad der arbeitenden Menschen sinkt heute wieder. Wenn alle gegeneinander streiten, dann ist es auch leichter, miese Arbeitsbedingungen durchzusetzen, denn mensch will ja zuerst mal für sich einen Job. Inzwischen ist es sogar soweit gekommen, dass arbeitende und arbeitslose Leute gegeneinander aufgehetzt worden sind, obwohl sie doch eigentlich kaum prinzipielle Unterschiede haben.
Eine gesellschaftsübergreifende Solidarität existiert faktisch nicht mehr, nur gewisse „Gruppen“ sind untereinander solidarisch, versuchen ihre Privilegien – auch auf Kosten anderer – zu verteidigen und interessieren sich nicht für das Schicksal von denjenigen, die nicht zur eigenen „Gruppe“ gehören. Oder wann habt ihr das letzte Mal von einem branchenübergreifenden Solidaritätsstreik gehört? Nunja, Streiks solcher Art sind ja auch ebenso wie politische Streiks verboten, sicherlich nicht ohne Grund. Wenn schließlich nur noch alle auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind (was ja systemimmanent auch logisch ist), wird niemals ein Klima von Frieden und Harmonie in der Gesellschaft entstehen können. (Das hört sich irgendwie kitschig an, ist mir jetzt aber egal.)
Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die Menschen insgesamt mehr von ihren Wegen abweichen und auch abseits ihrer Interessen schauen, wie es dort anderen geht. Sich für andere zu interessieren und ihnen zu helfen, ohne sich Vorteile zu versprechen, ist in meinen Augen ein guter Charakterzug und einen, den ich für eine herrschaftsfreie und solidarische Gesellschaft auch für ziemlich notwendig erachte. Falls sich eines Tages nämlich alle um alle anderen kümmern, muss sich kein Mensch mehr um sich selbst kümmern. Das ist die Umkehrung des „Wenn alle an sich denken, ist an alle gedacht“-Prinzip, denn auf Egoismus kann niemals eine freie Gesellschaft gebaut sein. Hoffen wir mal, dass es irgendwie klappt.


3 Antworten auf “Der Mythos der virtuellen Sozialität”


  1. 1 Norbert 31. Mai 2010 um 7:21 Uhr

    Seh ich genauso – gut zusammengefasst!

    Norbert

  2. 2 |=|2/-\/\/| 31. Mai 2010 um 19:32 Uhr

    Ein Hoch auf die reelle Virtualität.
    Wann ist ein Baum ein Baum?

    mfg,
    Ein erfreuter, freundlicher Freundanwärter.
    Peace out, greetz 2 Ossi-Land

  3. 3 choooo 07. Juni 2010 um 11:44 Uhr

    sehr schöner text! über sowas hatte ich an diesem wochenende im park mal gedacht. „as loneliness kicks in“, oder so. wahrscheinlich eher aus meiner sicht als ex-gamer geschrieben. naja vielleicht komme ich ja nochmal dazu ;-)

    cho
    a-infos-de

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