Wir haben eine Wa(h)l!

Mord
Seit Jahrzehnten ist der „Walfang“ global eigentlich schon verboten und nur zu „wissenschaftlichen“ Zwecken erlaubt, dennoch hat das Morden bisher nicht aufgehört und bedroht immer mehr den Bestand der Meeresriesen. Nun versucht die IWC (Internationale Walfangkommission) mit einem Kompromiss die Wahlfangnationen dazu zu bringen, den Walfang langfristig aufzugeben, u.a. indem der kommerzielle „Walfang“ (besser: Walmord) wieder erlaubt wird, allerdings mit stark sinkenden Quoten. Traditionell stehen sich die Pro- und Contra-Positionen unversöhnlich gegenüber und auch diesmal scheint eine Einigung utopisch, trotz des angebotenenen Kompromisses. Doch sollten bei allen Verhandlungen die Interessen der Wale im Vordergrund stehen und die ließen sich nur mit einer Maßnahme vertreten: Dem sofortigen Stopp jeglichen Walmordes.
Die Walmordnationen (hauptsächlich Japan, Norwegen und Island) argumentieren auf verschiedenste Weise. Meist werden vermeintlich wissenschaftliche Gründe für den Walmord angeführt, die sich aber faktisch nicht halten lassen. Insbesondere in Japan gibt es eine Walmordindustrie, die weniger zu Forschungszwecken existiert, sondern vielmehr nur, um sich selbst zu erhalten und durch eine Bürokratie und staatliche Subventionen Geld für die Mitarbeiter*innen abzugreifen. Dort wird keine ernsthafte Forschung betrieben, noch wird in Japan eine relevante Menge Walaas verspeist, die dieses Abschlachten erklären könnte. Eine Analogie findet sich in der Bundesrepublik im Feld der grünen Gentechnik, wo es ganz ähnlich funktioniert.
In Japan gibt es auch keine nennenswerte Walmordtradition, das ist nur Propaganda, die wohl in den 70er Jahren geschürt wurde. Hier schließt sich auch der Vorwurf des Kulturimperialismus an, der manchmal vorgebracht wird, denn die Walmordnationen wollen sich nicht von außen vorschreiben lassen, was sie zu essen haben. Wenn mensch den tatsächlichen Verzehr von Walaas bedenkt, ist dies jedoch auch bloß ein vorgeschobenes Argument. Im Endeffekt geht es, wie oben bereits angedeutet, wohl nur ums Geld – wie so häufig im Kapitalismus. Daher sehe ich gar keinen Grund, warum lange verhandelt werden soll, schließlich geht es nur um den Profit von einigen wenigen und die werden dann einfach Pech haben, wenn ein effektives Wahlfangverbot durchgesetzt wird und müssten sich einen anderen Job suchen. Aber das müssen ja Henker*innen auch, wenn die Todesstrafe abgeschafft wird.
Überhaupt frage ich mich, wieso bei allen Verhandlungen auf diplomatischer Ebene immer irgendwelche „Kompromisse“ gefunden werden müssen. Sicher, Konsensentscheidungen sind immer irgendwie besser als Mehrheitsentscheidungen, aber ein Konsens zu jedem Preis kann auch nicht die Lösung sein, wenn dadurch das Leben von fühlenden und leidenden Wesen zur Disposition steht. Welche Güter werden denn hier abgewogen? Der Profit von Unternehmen und Einzelpersonen steht gegen das Leben von sozialen Gemeinschaften und Familien. Ist es denn so schwer, dort eine eindeutige Lösung zu finden? Aber genau das ist eines der Hauptprobleme im Kapitalismus, ökonomischer Profit gilt als ein so hohes Gut, dass er gegenüber anderen Werten/Gütern eine so hohe Stellung einnimmt, das ihm gegenüber nahezu alles zur Disposition steht, sogar das Leben selbst.
Natürlich ist die Gesellschaft keine vegane oder antispeziesistische Gesellschaft, schließlich werden nicht-menschliche Tiere hauptsächlich als Nahrung oder als Waren betrachtet, die Wale machen da größtenteils keine Ausnahme und die Menschen, die sich für den Walschutz einsetzen, sind oft auch weder Vegetarier*innen oder Veganer*innen – das finde ich persönlich sehr bigott, denn warum sollte es okay sein, Kühe zu essen, Wale aber nicht: Es sind beides fühlende Wesen. Walmord und Pelzkleidung sind für die breite Masse ein Anknüpfungspunkt, wahrscheinlich aus dem Grund, dass die meisten von den Konsequenzen entsprechender Verbote nicht betroffen sind, denn wer isst schon Walaas und wer kann sich überhaupt noch einen Pelz leisten? Sicher, diese Themen bieten einen Anknüpfungspunkt und können Menschen dazu bringen, ihren Konsum von Tierleidprodukten zu überdenken, aber bei den meisten hört es ja schon bei den Lederschuhen wieder auf.
Aber genau das ist ein massives Problem: Solidarisch sein und irgendwo gegen sind Alle sofort, solange es sie selbst nicht betrifft. Doch das hat nichts mit Solidarität oder Aktivismus zu tun, sondern hauptsächlich mit Opportunismus. Selbstverständlich ist Walmord ein großes Problem und ich begrüße es auch, dass dagegen vorgegangen werden soll und über die Methoden lässt sich auch streiten – ich persönlich bevorzuge da „direkte Aktionen“ gegen Walmordschiffe, wie sie auch schon oft durchgeführt worden sind –, aber wer bei der Opposition gegen Walmord stehenbleibt hat dasselbe Problem wie der bürgerliche Antifaschismus: Gegen die extremen Formen wird vorgegangen, aber alles, was weiter verbreitet ist, bleibt unangetastet. Die meisten Walmordgegner*innen werden ja kaum gegen Fischmord (Ja, Wale sind keine Fische) protestieren und versuchen, den Leuten Aas als Nahrungsquelle allgemein auszureden.
Wie der Bewusstseinssprung vom bloßen bequemen und gesellschaftlich akzeptierten Opportunismus zum reflektierten Aktivismus zu vollziehen ist, kann ich leider nicht genau sagen. Wie schon erwähnt, spielt die eigene Betroffenheit eine große Rolle, das gilt aber für alle Bereiche. Walaas nicht zu essen ist kein Problem, aber wenn plötzlich die Frühstückswurst fehlt, ist das zu viel. Streiks sind auch super und unterstützenswert, aber wenn mensch dann seine Bahn nicht bekommt, dann ist das auch zu viel – diese Aufzählung ließe sich unbegrenzt fortsetzen. Um nochmal auf das Hauptthema zurückzukommen: So richtig der Widerstand gegen Walmord auch ist, er rüttelt nicht als den Ursachen der Probleme (massive Tierausbeutung und Tiermord), sondern betreibt nur eine medienwirksame und vor allem akzeptierte Symptompolitik und damit wird sich langfristig nichts ändern können.
Ich kann hier vielleicht nicht von allen Menschen fordern, von heute auf morgen vegan zu leben, obwohl es nicht so schwer ist und der Markt auch schnell darauf reagieren würde, dennoch sollten sich die Menschen über ihr inkonsequentes Handeln bewusst werden. So sollte doch überlegt werden, aus welchen Gründen Walmord abgelehnt wird und ob diese Gründe nur für die Wale gelten und nicht vielleicht für alle nicht-menschlichen Tiere, die täglich zu Millionen umgebracht werden. Doch auch dazu ist erst ein Reflexionsprozess vonnöten, der nicht erzwungen werden kann, denn gegen Zwang wehren sich die Menschen zurecht. Die Herausforderung für Tierrechtsaktivist*innen besteht darin, diesen Prozess anzustoßen und zu unterstützen und zu versuchen, Veränderungen nicht zu erzwingen, sondern die Verhältnisse zu verändern.
Falls ihr vegan werden wollt und trotzdem partout nicht auf Fisch verzichten wollt, gibt es doch wirklich ein paar Alternativen: Selbstgemachte Fischfrikadellen zum Beispiel (Noriblätter findet ihr in Asialäden) oder, falls ihr zu faul seid, selbst zu kochen, gibt es auch noch fertige, vegane Fischstäbchen, die wirklich erschreckend stark nach Fisch schmecken. Ich kenne auch ein Rezept für veganen Thunfisch, das habe ich aber nicht im Kopf und ihr könnt sicher auch Internet-Suchmaschinen bedienen. Sonst lohnt es sich auch immer, die Augen offen zu halten und sich umzusehen, es gibt meist mehr vegane Alternativen als mensch denkt. So, jetzt habe ich großen Hunger bekommen und beende damit diesen Beitrag.


1 Antwort auf “Wir haben eine Wa(h)l!”


  1. 1 Martin Deffner 23. Juni 2010 um 12:25 Uhr

    Gutes Blog, guter Beitrag! Das Problem im Speziellen wie im Allgemeinen auf den Punkt gebracht. Ist ja auch alles so logisch und einfach, wenn man sich einmal entschieden hat, es sehen zu wollen.
    Hab selbst erst kurz über bigottes Walfanggegnertum geschrieben: http://doppelstandards.wordpress.com/2010/03/03/das-individuum-und-seine-art/

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