Wer braucht schon Privatsphäre? *UPDATE*

Datensammelei 2.0
Endlich mal wieder ein Beitrag über Videospiele. Und Datenschutz, denn irgendwie greift die „Ihr-müsst-öffentlich-sein“-Ideologie nun auch im Lager der virtuellen Unterhaltung um sich, war wohl nur eine Frage der Zeit. Denn nun hat sich kürzlich Blizzard dazu entschieden, in seinen Foren zu „Starcraft 2″ und „World of Warcraft“ eine neue Regelung einzuführen, die alle Leute, die dort Beiträge schreiben wollen, dazu zwingt, diese unter ihrem Realnamen zu verfassen. Offiziell soll dadurch eine „bessere Diskussionskultur“ entstehen, also weniger Gepöbele und Beleidigungen, die wohl teilweise sehr ausufern sollen. Gleichzeitig wird damit jedoch ein Stück der virtuellen Anonymität vollständig abgebaut und mensch wird klar erkennbar im Internet. Wenn Blizzard daneben nun die Freund*innenlisten der Spiele mit Facebook verknüpft, ist das dann nur konsequent.
Es gibt zweifellos einen Trend in der digitalen Welt zu immer weniger Privatsphäre zu immer mehr Öffentlichkeit und virtuellem Exibitionismus, worüber ich ja auch schon einmal geschrieben haben. Das „Web 2.0″ entpuppt sich immer mehr als ein Netz der Ideologien Zuckerbergs (Facebook-Gründer) und Jobs‘ (Apple-Chef), die für die beschriebenen „Werte“ stehen und daneben auch den Ausbau geschlossener Plattformen fördern. Aus einer gewachsenen Interaktivität entspringt nun die vollkommene Entblößung mit allen Konsequenzen von Cyber-Mobbing bis hin zu Stalking. Auch für künftige Arbeitgeber*innen bietet das Netz inzwischen besseres Bewerbungsmaterial als alle schönen Mappen, die den Unternehmen zugesandt werden, aber das ist ein anderes Thema.
Blizzard, oder besser: Activision Blizzard wird es hierbei auch um die persönlichen Daten gehen, wobei ich glaube, dass die Verbesserung der Diskussionskultur nur vorgeschoben ist. Durch die Einführung des „Battle.net 2.0″ hat sich Blizzard eine Plattform geschaffen, in der die Informationen über die Spieler*innen an einem Punkt zusammenlaufen. Das bedeutet einerseits, dass sich die Spieler*innen auch über unterschiedliche Spiele hinweg vernetzen und kommunizieren können, für Blizzard bedeutet das einen Haufen an Daten (über das sogenannte „Arsenal“ ist es heute schon möglich, die Handlungen eines WoW-Charakters genau nachzuvollziehen), die wahrscheinlich gut ökonomisch verwendbar sind. Das Spiel- und Kommunikationsverhalten, die Blizzard auf diese Art und Weise aufzeichnen kann, ermöglicht individuelle Angebote und verspricht höhere Profitraten.
Aber das sind nicht die einzigen Folgen der zunehmenden „Veröffentlichung“ privater Daten. Für viele Menschen ist „World of Warcraft“ nur ein Hobby und sie wollen nicht unbedingt, dass die ganze Welt weiß, dass sie zocken, da es in der Gesellschaft auch immernoch größere Vorbehalte gegen Videospiele und insbesondere gegen Onlinerollenspiele gibt – schlecht recherchierte Medienreportagen über Spielsucht tun ihr übriges. Da das ganze Internet nun herausfinden kann, ob „Hans Müller“ WoW spielt – der Zugriff von Außen auf die Foren ist nicht beschränkt – befürchten einige Nachteile in verschiedener Form, vor allem, wenn sie bisher ihr Hobby aus unterschiedlichen Gründen mehr oder minder „geheim“ gehalten haben.
Vielleicht ist das Problem aber kein so gravierendes, wie mensch vielleicht anfangs denken könnte, schließlich ist es, vor allem bei häufigen Realnamen, gar nicht einfach, vom Namen auf die Identität der Person zu schließen, dazu sind dann noch wesentlich mehr Informationen notwendig wie etwa Wohnort, Alter oder ähnliches. Aber durch die Offenlegung der Namen ergibt sich ein weiteres Problem: Die durch die Pseudonyme nivellierten Unterschiede der User*innen werden wieder sichtbar. In einer befreiten Gesellschaft wäre das kein Problem, aber heute gibt es noch haufenweise Ressentiments und Vorurteile gegen verschiedene Gruppen und Namen können – auch fälschlicherweise – auf die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe hinweisen. Menschen, die absichtlich ihr Gender oder sonstwas verschleiert haben, sind nun dazu gezwungen, dies preiszugeben, was unter bestimmten Umständen zu einer strukturellen Benachteiligung führen kann, weil sich in den Foren und Spielen eben nicht nur aufgeklärte Menschen bewegen.
Beispielsweise wird eine „Tina Müller“ in den 20ern plötzlich ganz anders behandelt als der Tauren-Schamane „Goral Tserlok“, weil irgendwelche sexistischen Menschen meinen, blöde Kommentare zu reißen oder ihre eigene Sexualität nicht im Zaum halten können. Da es im Internet viele Idiot*innen gibt, kann ich verstehen, warum es besser ist, manchmal die eigene Identität zu verwischen und sich möglichst anonym zu geben. Auch vermeintlich „nicht-deutsche“ Namen können in den deutschsprachigen Foren zu diskriminierenden Äußerungen führen, denn ein „Jacques Fromage“ (sry, mir ist echt nichts besseres eingefallen) wird dann vielleicht beleidigt oder angegriffen, wenn in irgendeiner Sportart ein bundesdeutsches Team gegen ein französisches verloren hat – mensch denke nur mal an Fußball. Dass Jacques aber Bayer*in ist und in Nürnberg eine kleine bürgerliche Kneipe betreibt, spielt dann keine Rolle mehr.
Anonymität und Pseudonymität im Internet können Diskriminierung vorbeugen, da die Merkmale, aufgrund derer diskriminiert wird, nicht klar erkennbar sind. Das hilft zwar keinesfalls gegen diskriminierendes und ausschließendes Gedankengut an sich, aber es ermöglicht denjenigen, die im realen Leben aufgrund struktureller Ausschlüsse nicht frei am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, doch zumindest eine (nunja, mehr oder minder) vorurteilsfreie Teilnahme an der virtuellen Gemeinschaft. Eventuell ließen sich darüber auch langfristig gewisse Vorurteile abbauen, aber durch die Zwangseinführung der Klarnamen fällt diese Option auf jeden Fall weg, das hat Blizzard sicher nicht bedacht. Ob entsprechende Argumente das Unternehmen noch zum Umdenken bewegen können, ist fraglich.
Die Reaktionen in der Blizzard-Community und auch bei vielen anderen Communities, die sich mit Videospielen beschäftigen waren erwartungsgemäß laut und wütend. Im offiziellen Forum ging es sogar so weit, dass, nachdem ein Mitarbeiter seinen Realnamen veröffentlicht hatte, allerlei persönliche Informationen über ihn recherchiert und veröffentlich worden sind, was dazu führte, dass er sogar seine Telefonnummer stilllegen musste. Leider ist zu erwarten, da sich in den Foren meist eh nur die Minderheit der Zocker*innen versammelt, dass die große Masse die Änderungen schluckt und Blizzard nicht mit ökonomischen Einbußen rechnen muss. Boykottaufrufe verhallen meist ohne Wirkung, den meisten ist dann der persönliche Spaß dann doch wichtiger als ein semi-politisches Engagement und so wichtig sind die persönlichen Daten dann doch nicht.
Ich persönlich werde erstmal keine Spiele von Activision Blizzard mehr kaufen, nicht nur aufgrund dieser lächerlichen Anti-Datenschutz-Politik, sondern aus verschiedenen Gründen. Leider hat insbesondere Blizzard immernoch einen extrem guten Ruf innerhalb der Zocker*innen-Community und daher werden die meisten doch wieder die Neuerscheinungen kaufen, was mit großer Sicherheit auch für „Starcraft 2″ gelten wird, was Ende Juli bereits erscheint. Ich habe die Hoffnung schon aufgegeben, dass die Spieler*innen jemals eine große Bewegung sein könnten, die für ihre eigenen Interessen eintritt, dazu ist die breite Masse wohl zu konsumorientiert. An dieser Stelle kann ich nur nochmal auf P2P-Netzwer… äh, Independent-Spiele hinweisen, die eine Alternative darstellen können. So habe ich letztens erst die Demo von „Zeno Clash“ gezockt, so eine Art 3D-Prügelspiel in einer absurd-surrealen Welt mit verrückten Charakteren, war auf jeden Fall spaßig und interessant.

UPDATE:
Nachdem, wie bereits schon im Beitrag erwähnt, ein massiver Proteststurm der Spieler*innen über Blizzard hereinbrach, hat sich die Firma nun doch dazu entscheiden, den Realnamenzwang in den Foren fallenzulassen, sondern stattdessen wieder die Namen der Charaktere zu erlauben. Scheinbar war mein Pessimismus etwas überzogen und die Gaming-Community ist nicht so apathisch wie ich dachte, also, „Hut ab!“, das zeigt nur, dass Widerstand sind lohnt. Wenn ähnlicher Widerstand auch gegen gewisse politische Projekte geleistet werden würde, könnte mensch sicher einige Veränderungen bewirken, aber irgendwo im Forum zu schreiben ist dann doch etwas anderes als wirklich auf die Straße zu gehen oder direkte Aktionen durchzuführen.


1 Antwort auf “Wer braucht schon Privatsphäre? *UPDATE*”


  1. 1 Luft 09. Juli 2010 um 16:51 Uhr

    hey

    vielen dank für diesen sehr interessanten artikel. Im letzten absatz ist ein Fehlerteufel – Activi>O

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