Immer diese Gewaltbereitschaft

Gewalt
Angeblich (und vielleicht auch real) ist Gewalt an Schulen ein immer größeres Problem. Die britische Regierung hat dagegen jedoch jetzt ein nahezu geniales Konzept entwickelt: Anstatt sich durch die Schüler*innen unterbuttern zu lassen, soll es den Lehrer*innen nun gestattet sein, im Notfall auch körperlich einzuschreiten, falls sich die/der Störer*in partout nicht dazu bewegen lässt, den Aufforderungen des Lehrpersonal zu folgen. Abgesehen davon, dass Gewalt in der Erziehung nichts zu suchen hat, findet hier bestenfalls Symptombekämpfung statt, da an den Ursachen für Probleme in der Schule keineswegs gerüttelt wird. Es bleibt also dabei, dass sich das das Verhalten der Schüler*innen nicht ändern wird, nur weil es den Lehrer*innen erlaubt wird, auch tätlich vorzugehen – wahrscheinlich wird einfach nur das gesamte Klima an den Schulen gewalttätiger.
Vielleicht mag es in den Augen mancher Politiker*innen Probleme mit Gewalt in der Schule geben, diese lassen sich aber sicher nicht durch noch mehr Gewalt (sowohl strukturelle als auch körperliche) lösen. Es gibt an einigen Schulen inzwischen sogar Polizeikontrollen oder Kameraüberwachung, was sicher nicht zu einem angenehmen Schul- und Lernklima beiträgt. Ob hier eine Verklärung der Vergangenheit stattfindet, als in den Schulen noch die Prügelstrafe erlaubt war, würde ich eher verneinen, auch wenn einige sich diese Zeit – aus welchen Gründen auch immer – zurückwünschen. Faktisch lässt jedoch auch diese Maßnahme nur durchscheinen, dass es nicht um die Bekämpfung der Ursachen der Gewalt geht, sondern nur um ihre konkreten Erscheinungsformen.
Denn Gewalt in der Schule hat meist, aber nicht immer, außerschulische Ursachen, wie etwa eine prekräte soziale oder ökonomische Situation. Da junge Menschen aber dazu gezwungen sind, die Schule zu besuchen ist es nur eine Konsequenz, wenn sich dann die angestaute Wut in der Schule entlädt, weil sie sich eben dort aufhalten (müssen). Die Schule kann also die Ursachen der Probleme gar nicht unbedingt lösen und ist dagegen noch Teil des Problems. Das „System Schule“ arbeitet auch mit Autorität und Zwang und wenn junge Menschen, die keine Perspektive mehr sehen, dann auch noch von irgendwelchen Lehrer*innen gedemütigt oder angeschnauzt werden, kann ich es nur zu gut verstehen, wenn da mal die andere oder der andere etwas ausfallend und aggressiv wird.
Die Illusion, Schule – oder Bildungseinrichtungen allgemein – könnten von sich aus soziale bzw. gesellschaftliche Schieflagen ausgleichen, ist weit verbreitet, aber leider falsch. Es wäre zu schön, wenn durch den Kindergarten- und Schulbesuch soziale Ausgrenzung, ökonomische Benachteiligung und andere Formen der Diskriminierung einfach verschwinden würden, aber das tun sie ja nichtmal innerhalb dieser Einrichtungen. Gesellschaftliche Probleme müssen ursächlich angegangen werden und es nützt nichts, wenn in der Schule schöne Vorstellungen vermittelt werden, die eigene Familie aber zur Tafel gehen muss, damit es wenigstens ab und an mal etwas Warmes zu essen gibt. Bildungseinrichtungen sind nur eine Art Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse, aber keine Maßnahme, diese selbst zu verändern.
Jedoch ist auch die Schule selbst Teil des Problems. Ich habe bereits den Schulzwang und die grundsätzlich autoritäre Struktur erwähnt, was ja beides auch eine Form von Gewalt ist. Hier werden nur Verhältnisse reproduziert, in denen die jungen Menschen, die meist lieber etwas anderes tun würden als auf unbequemen Holzstühlen zu sitzen, die wiederum selbst nur Ausgrenzung etc. erzeugen. So ist auch die Konkurrenz zwischen den Schüler*innen nicht abgeschafft und diejenigen, die bessere Noten erzielen sind eben die Gewinner*innen dieses „Wettkampfes“, wenn auch Streber*innen manchmal selbst ausgegrenzt werden. Daneben existiert oftmals ein enormer sozialer Druck, der dazu führen kann, dass Abweichler*innen „ausgeschlossen“ werden, da sie sich nicht der Mehrheit anpassen wollen – wie in der übrigen Gesellschaft auch.
Frontalunterricht ist zudem wissenschaftlich überholt und eine denkbar schlechte Form, Menschen irgendwas beizubringen, wird aber im Schulsystem immernoch mehrheitlich angewendet und dort heißt es „Anpassen oder Versagen“. Und Bildungsverlierer*innen – was ausdrücklich nichts mit mangelnder „Intelligenz“ (auch so ein doofer Begriff) zu tun hat – werden oftmals auch zu „Verlierer*innen“ auf dem Arbeitsmarkt und müssen im Niedriglohnsektor arbeiten, wenn sie überhaupt einen Job bekommen (Ja, Arbeitslosigkeit wäre nicht schlimm, wenn in dieser Gesellschaft nicht Ausgrenzung und Gängelei durch die ARGE damit verbunden wären). Schon Kant sagte einmal, dass die ersten Schuljahre nicht dazu dienen, den jungen Menschen etwas beizubringen, sondern sie erstmal disziplinieren sollen, stillzusitzen, damit sie später unter diesem System lernen können.
Wo ich gerade bei der Philosophie bin: Platon schreibt in seiner Schrift „Der Staat“, dass die beste Art zu Lernen das „spielende Lernen“ sei und Wissen durch Zwang nicht vermittelt werden kann. Auch wenn es an seinen Ausführungen insgesamt mehr als genug Kritik gibt, ist es doch sehr eindrucksvoll, dass schon vor über 2000 Jahren irgendwer ein Bildungssystem besser zu gestalten wusste als die ganzen Beamt*innen und Abgeordneten, die sich heute darauf spezialisiert haben. Doch ist die zweckfreie Vermittlung von Wissen gar nicht die Aufgabe des staatlichen Bildungssystem, sondern sowohl die Hinrichtung auf was „Gemeinwohl“ (zumindest nach dem humanistischen Bildungsideal) oder/und die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und dort herrscht ja auch eine harte Konkurrenz.
Was den weiteren Zweck von Schule angeht, darüber kann ich eine kleine Anekdote erzählen, denn ich habe mal von einer Diskussion in einem Uni-Seminar gehört, in der es um die Aufgabe von „politischer Bildung“ ging. Während die Lehrperson der Meinung war, auf diese Weise müssten „gute Demokrat*innen“ geschaffen werden, gab es Einwand von verschiedenen Seiten, so meinten ein paar Student*innen, dass es doch besser sei, „kritische Menschen“ entstehen zu lassen, die auch bereit sind, vorgefasste Dogmen zu hinterfragen. Denn wenn die parlamentarische Demokratie das bestmögliche System ist, hätte sie doch von vernünftiger Kritik nichts zu befürchten, oder? Sicher kann die Äußerung einer Einzelperson keinen Rückschluss auf die Ausgestaltung der politischen Bildung in der Schule zulassen, doch zeigt die Diskussion, dass es durchaus Ansichten gibt, die fordern, dass der Staat sich durch das Bildungssystem Leute erzieht, die durch seine Propaganda zu „guten Bürger*innen“ werden.
Autoritäre Maßnahmen sind in jeglicher „Erziehung“ und Bildung vollständig abzulehnen, da sie nur negative Folgen haben können. Auch Maßnahmen wie Nachsitzen, vor die Tür schicken oder Strafaufgaben gehören in diese Kategorie und helfen den betroffenen Schüler*innen nicht, sondern verschärfen die Situation nur. Zusätzlich ist es oftmals der Fall, dass die meisten Schüler*innen über ihre eigenen Rechte gar nicht Bescheid wissen und sich ungefragt dem unterordnen, was die Lehrer*innen behaupten, obwohl dies ohne jeglichen Halt sein kann. Auf diese Art und Weise lässt sich das Schulsystem sicher nicht umstürzen, aber es würde einigen ermöglichen, wenigstens die gröbsten Auswüchse zu unterbinden. Jetzt bin ich auch noch gar nicht auf die Sinnlosigkeit der Notengebung und die Vorschreibung des zu lernenden Stoffes und den Quatsch mit den vorgegebenen Lehrplänen eingegangen, aber ich befürchte, das würde diesen Beitrag nun endgültig sprengen.
Glücklicherweise gibt es heute schon einige Alternativen zum staatlich verordneten Bildungswesen, die vielleicht nicht perfekt sind, aber für manche junge Menschen durchaus die bessere Alternative darstellen können – wie etwa die (zurecht) umstrittene Waldorfpädagogik oder andere, sehr freie Schulkonzepte. Oftmals werden die Bildungsabschlüsse dort aber nicht anerkannt, was dazu führt, dass mensch irgendwann doch wieder eine Regelschule besuchen muss, wenn mensch einen Bildungsabschluss haben will. Es ist zwar auch möglich, ohne Abschluss das Leben zu meistern, aber viele Möglichkeiten werden in dieser Gesellschaftsform dadurch ausgeschlossen. Ich selbst bin auf diese tolle Schulkritik leider erst nach meinem Abschluss aufmerksam geworden und so erinnere ich mich somit nur oft daran, dass die Schule mir meist keinen Spaß bereitet hat – wie wohl den meisten und das sollte wirklich ein Grund sein, daran etwas radikal zu ändern.