Denn wir sind, was wir essen

Sieht lecker aus
Essen ist immer ein sehr emotionales Thema, dabei ist es neben Atmen und Schlafen eines der grundlegensten Dinge des Lebens. Doch im Kapitalismus hat sich um das leckere Schlemmen eine ganze Nahrungsmittelindustrie entwickelt, bei der nicht mehr die Versorgung mit Nährstoffen im Mittelpunkt steht. Nebenwirkungen davon sind der erhöhte Ausstoß von Klimagasen, Wasserverschmutzung, Welthunger, falsche Ernährung, millionenfaches Tierleid und noch vieles mehr. Nun habe ich neulich einen Artikel zum Thema gelesen, der eine Art Rundumschlag darstellte und verschiedene Aspekte ansprach und das hat mich auch zu diesem Beitrag inspiriert – außerdem esse und koche ich gern und bin weiterhin der Meinung, dass Nahrung nicht etwa etwas unpolitisches ist, sondern auch eine politische Dimension besitzt.
In diesem Artikel wurden unterschiedliche Themenkomplexe angesprochen, begonnen beim Welthunger, an dem die westliche Welt und ihre Nahrungsverschwendung einen großen Anteil haben über die Klimaschäden durch die Massentierhaltung bis hin zu den Folgen falscher Ernährung („Übergewicht“ und ähnliches) sowie die neu definierte Rolle von Essen in der Gesellschaft durch die Medien und die Unternehmen, wobei im Artikel ausdrücklich auf bestimmte Formen der Werbung eingegangen wurde, die etwa spezielle Nahrungsprodukte für Kinder bewirbt, die leicht beeinflussbar sein sollen. Dort wurde schließlich das Verbot derartiger Werbung gefordert. Ich will mich aber nur mit einem speziellen Aspekt des Thema beschäftigen: Der Rolle der Nahrungszubereitung und -aufnahme in der spätkapitalistischen Industriegesellschaft.
Durch den Kapitalismus sind die Sphäre der Produktion und die der Reproduktion getrennt worden, d.h. wir gehen irgendwo arbeiten und „verdienen“ dort unser Geld und an einem anderen Ort wohnen wir uns versorgen wir uns, wir „reproduzieren“ unsere Kräfte. In Agrargesellschaften wie z.b. im europäischen Mittelalter waren die beiden Sphären noch miteinander verknüpft, sowohl räumlich als auch auf die Weise, dass die Produkte der körperlichen Arbeit meist gleich Nahrungsmittel waren. Der Vorteil für den Kapitalismus an dieser Trennung ist, dass wir unsere Versorgung selbst regeln und auch für die Kosten aufkommen müssen und eben nicht das Unternehmen, für das wir arbeiten. (Das ist natürlich nicht zwangsweise so scharf getrennt, in vielen Unternehmen gibt es ja auch Kantinen und ähnliches, die aber meist wahrscheinlich auch gewinnorientiert oder zumindest kostendeckend arbeiten.)
Die Folgen des hohen Zeitaufwands für die produktive Arbeit sind vor allem die geringe Freizeit und die somit noch geringere Zeit, sich mit der Nahrungszubereitung und -aufnahme zu beschäftigen. Wer nimmt sich schon vor der Arbeit eine Stunde Zeit für ein gemütliches, ausgiebiges Frühstück? Und falls es möglich ist, während der Arbeit zu speisen, so ist die Mittagspause meist zeitlich eng begrenzt und es gibt auch keine große Auswahl und mensch selbst ist an der Zubereitung auch in keinster Weise beteiligt, es wird einfach nur ein Nahrungsprodukt konsumiert. Nach einem langen Arbeitstag fehlen meist Kräfte und Motivation noch eine große Kochaktion zu starten und so wird gerne auf Fertig- oder Tiefkühlnahrung zurückgegriffen, die sich leicht zubereiten lässt. Insgesamt glaube ich, dass heute so wenig Zeit wie möglich darauf verwendet wird, zu Essen oder zu Kochen, stattdessen wird die Nahrungsaufnahme vollkommen funktionalisiert und nur noch als eine Art „Aufladung“ begriffen.
Dies schlägt sich auch in den angebotenen Nahrungsprodukten nieder. Bei diesen wird immer mehr Wert auf eine schnelle Zubereitung gelegt, zudem sollen möglichst viele Nährstoffe (ob nun von Natur oder nicht) in einem Produkt enthalten sein, damit mensch nicht so viel verschiedenen Kram essen muss, um vollständig versorgt zu sein. Daneben spielt der Preis eine große Rolle, da es nämlich noch einen Haufen anderer Konsummöglichkeiten gibt, die mit dem Nahrungsmittelkonsum konkurrieren und meist eine höhere Priorität besitzen, d.h. für sie wird mehr Geld ausgegeben. Ein anderer Aspekt ist die Hochstilisierung gewisser Lebensmittel zu mehr – insbesondere in der Werbung – wodruch manche Produkte mit gewissen Dingen wie Erfolg, Sportlichkeit oder sozialem Glück verbunden werden, um sie attraktiv zu machen. Für bloßes Obst und Gemüse existiert hingegen fast keine Werbung.
Ich persönlich halte es für sehr wichtig, geradezu für essentiell sich ausführlich mit seiner Ernährung auseinanderzusetzen. Das kommt nicht nur daher, dass ich Veganer*in bin und daher quasi dazu „gezwungen“ bin, dies zu tun, sondern es verhält sich auch so, dass unsere Körper aus dem bestehen, was wir mit der Nahrung zu uns nehmen. Wenn wir also nur „minderwertige“ oder künstliche (bspw. mit viel chemischen Stoffen versetzte) Nahrung zu uns nehmen, werden alle unsere Körperzellen aus den Bestandteilen dieser Nahrung hergestellt. Da sich alle Zellen im Körper etwa alle 7 Jahren erneuern, sollte es in unserem Interesse liegen, eine „gesündere“ (sry, bessere Begriffe fallen mir irgendwie nicht ein) zu uns zu nehmen statt irgendwelchem Mist, der nur aufgrund der Geschmacksverstärker und Aromen „gut“ schmeckt.
Damit will ich den Menschen keineswegs vorschreiben, was sie essen und wie sie es tun, ich wünsche mir nur eine größere Auseinandersetzung mit der eigenen Nahrung. Frische Zutaten einzukaufen, selbst zu schnibbeln und schließlich ein Gericht zu kochen ist eine ganz andere Vorgehensweise als einfach eine Tiefkühlpizza (gibts sogar vegan) in den Ofen zu schieben. Durch die direkte Beteiligung am Prozess gewinnt mensch auch ein ganz anderes Verhältnis zum Essen, was nicht mehr als bloße Nährstoffaufnahme verstanden wird, sondern quasi als lebenswichtige Handlung und dementsprechend auch gewürdigt – durch genug Zeitaufwand – werden sollte. So bietet die eigene Zubereitung auch noch direkte Kontrolle über die Beschaffenheit der Nahrung und somit auch eine größere Selbstständigkeit als wenn mensch bloß Fertigkrams futtert.
Daneben gibt es noch den sozialen Aspekt, denn irgendwelche Tiefkühl-Pommes lassen sich nur schwerlich gemeinsam zubereiten, wenn mensch aber Gemüse waschen und schneiden muss, Töpfe aufsetzen und etwas kochen muss, dann lässt sich dies mit mehreren Menschen schneller und leichter bewältigen und bietet auch noch eine Form des sozialen Austausches und kann auch verdammt viel Spaß machen. Auch das gemeinsame Essen, was leider oftmals auch zu kurz kommt (damit meine ich jetzt nicht erzwungene Familienmahlzeiten, sowas ist Murks) hat sicher eine positive Auswirkung auf die Verdauung. Zu guter Letzt sollte mensch sich für diese ganzen Dinge immer genug Zeit nehmen, da passt Stress und Hektik einfach nicht rein, insbesondere beim Essen ist es der Gesundheit eher abträglich, wenn alles nur in sich hinein geschlungen wird.
Wie ich bereits erwähnt habe, ist die Struktur der heutigen Gesellschaft aber eher darauf ausgelegt, andere Tätigkeiten, wie meist die Lohnarbeit, in den Mittelpunkt des Tages bzw. sogar des Lebens zu stellen. Doch trägt die Lohnarbeit kein bisschen zur Erhaltung und Pflege des eigenen Körpers bei, die Ernährung hingegen schon, daher sollte das Zeitverhältnis eigentlich ein umgekehrtes sein. Das Problem heute ist auch die kulturelle Hegemonie, die Lohnarbeit und Produktion eine höhere Priorität einräumt als Ernährung und Freizeit und dies zu durchbrechen ist schwierig, viele Arbeitgeber*innen werden es sicher ungern sehen, wenn mensch sich zwei Stunden Zeit für das Mittagessen nimmt. Wir stehen also vor einem Dilemma: Dasjenige, was uns nützt, wird abgewertet und dafür bleibt wenig Zeit und dasjenige, was uns schadet, bestimmt unseren Tagesablauf.
Der Gipfel dieser Verdrehung ist eine Werbung für ein Nahrungsergänzungsmittel, welches dem Genuss von Nüssen und Obst, welche dieselben Vitamine enthalten, vorgezogen wird – eigentlich fast eine Anti-Werbung, doch genau das zeigt wieder, worauf es heute ankommt: Möglichst schnelle und effektive Versorgung mit dem Notwendigsten. Im Kapitalismus lässt sich diese Problematik wohl kaum auflösen und auch die anderen Probleme wie das Tierleid und die Klimaschäden lassen sich wohl erst durch eine Überwindung dieses Systems effektiv bekämpfen. Und in der befreiten Gesellschaft gibt es dann auch endlich wieder genug Zeit zum Essen und zum Schlemmen und zum Ausruhen und Rumgammeln – ein bisschen Hedonismus schadet ja nicht. Ich frage mich nur, warum die durchschnittliche Tagesarbeitszeit seit dem Mittelalter eigentlich nicht abgenommen hat, aber das ist ein anderes Thema.

P.S.: Achja, jetzt bin ich gar nicht mehr auf die politische Dimension von Ernährung eingegangen und habe auch keine Propaganda für den Veganismus gemacht, aber in naher Zukunft werde ich mal einen Artikel über Anti-Speziesismus schreiben, der einen anderen kritischen Text kritisieren wird. Ihr dürft also gespannt sein ;) .


2 Antworten auf “Denn wir sind, was wir essen”


  1. 1 Herr Brezner 14. Juli 2010 um 21:20 Uhr

    Es ist zu dumm, Entschuldigung!
    Das mach ich nie, verzeihen sie!
    Ich muss jetzt gehn, wenn sie versteh‘n!
    Man wartet schon am Telefon!
    Hab g‘rade Stress, muss zum Kongress!
    Und vorher schnell noch ins Hotel!
    Ich muss gleich los in die Büros!
    Hab ’nen Termin, da muss ich hin!
    Ich muss gleich weg, hat keinen Zweck!
    Es ist noch weit, es tut mir Leid, hab keine Zeit!

  2. 2 (notwendig) 17. Juli 2010 um 9:47 Uhr

    Genau meine Meinung, sowohl das Essen als auch die Zubereitung sollten zelebriert werden. Ich sage das ca. 6 mal in der Woche.
    Und dass mensch entfremdet ist, von dem was mensch isst, sage ich auch!
    Allerdings würde ich noch ergänzen, dass die Esskultur nicht in jedem kapitalistischen Land zwangsweise Schaden nimmt. In Japan z.b. wendet mensch (so habe ich es zumindest im Kopf) sehr viel Zeit für das Essen auf, beschenkt seine*n Liebste*n mit wunderschön hergerichteten Bentoboxen, schmückt und verziert Essen so, dass es tatsächlich allein schon Spaß macht zu essen, weil es so aufwendig „verpackt“ (mensch denke an Maki-Rollen) wurde und sieht das Essen als soziales Event.
    Dass in Japan dafür andere kapitalisisch begründbare Misstände (beispielsweise Arbeitszeiten) deutlich größer sind und die Menschen dort scheinbar übermäßig unterwürfig und authoritätshörig sind ist eine andere Geschichte. Aber wir können uns ja das Beste abgucken :)

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