Vom Niedriglohnsektor…

Kik-Gruß
…in die Arbeitslosigkeit. Das geht manchmal viel schneller als mensch denkt, vor allem, wenn mensch eh schon am Rande der Existenzsicherung leben muss. Der Textil-Discounter „kik“ hat sich nun ein ganz perfide Methode ausgedacht, um es seinen Mitarbeiter*innen besonders schwer zu machen, aus dem Prekariat zu entkommen: Die Finanzlage der einzelnen Mitarbeiter*innen wurde überprüft und wer privatinsolvent oder ähnlich schlecht bei Kasse war, verlor einfach unter einem Vorwand ihren/seinen Job. Oder, um es nochmal endgültig auf den Punkt zu bringen: Wer kein Geld hatte, um seine Schulden zu bezahlen, wurde deswegen in die Arbeitslosigkeit geschickt.
Kik ist so oder so nicht für seine besonders sozialen Geschäftspraktiken bekannt: In den Zulieferbetrieben werden miese Löhne gezahlt, die Klamotten werden wohl von Kindern in Bangladesch für einen Hungerlohn zusammengenäht und nun ein neuer Datenschutzskandal, von dem zehntausende Mitarbeiter*innen betroffen sind. Kik forderte über die Firma „CreditReform“ Daten über die Finanzen der Leute an und zog die entsprechenden Konsequenzen. Eigentlich sollte das keinen Menschen verwundern, passt diese Praxis doch sehr gut ins Portfolio von Kik, die haben schon Erfahrungen mit menschenverachtenden Praktiken. Inzwischen hat Kik die Ausspähpraxis jedoch eingestellt.
Vermutlich werden diejenigen, die die größten Konsequenzen zu tragen haben, die entlassenen Mitarbeiter*innen sein, denen es noch schwieriger gemacht worden ist, ihre Schulden zu begleichen oder/und sich aus einer finanziellen Abhängigkeit zu befreien. Die Verantwortlichen für diesen Datenmissbrauch werden sehr schwer zu ermitteln sein, zumal der konkrete Missbrauch auch nachgewiesen werden muss, was sich ebenfalls nicht leicht gestaltet, waren doch andere Gründe für die Kündigungen vorgeschoben. Vielleicht haben aber einzelne Schadenersatzklagen eine Chance auf Erfolg, denn die getätigten Kündigungen dürften keinesfalls rechtens gewesen sein – dass die Betroffenen dann aber eine Wiedereinstellung verlangen werden, erwarte ich eher nicht.
Neben anderen Datenschutzskandalen (etwa bei Bahn oder Telekom) zeichnen sich immer mehr Unternehmen durch eine extrem miese Behandlung von Mitarbeiter*innen aus, so auch bspw. Lidl oder Schlecker, die überwachen und betriebliche Organisierung verhindern. Dies passt alles sehr gut in eine Gesellschaft, in der Lohnarbeit mehr zählt als Selbstverwirklichung und in der Arbeitslosigkeit ein soziales Stigma ist, was mensch auf jeden Fall vermeiden möchte, auch zum Preis einer miesen Arbeitsstelle. Die Praxis der ARGEn trägt noch dazu bei, denn wer angebotene Stellen als „unzumutbar“ ablehnt, muss mit Leistungskürzungen rechnen, egal, wie schlecht diese Stellen bezahlt werden.
Kik ist hier nur die Spitze des Eisbergs. Durch das Abrutschen in prekäre finanzielle Situationen sind viele Menschen dazu gezwungen, Schulden aufzunehmen und können so in einen Teufelskreis geraten, so dass sie ihre immer höheren Raten nicht mehr begleichen können. Da kommen nun Unternehmen wie die allseits bekannte Schufa oder eben CreditReform ins Spiel, die Daten über die finanzielle Situation von Menschen sammeln und auf Anfrage weitergeben, was dazu führen kann, dass keine Kredite mehr erhalten werden können oder auch der neue Handyvertrag unmöglich wird. Absurd wird es nun an dieser Stelle, wo Menschen versuchen, durch eigene Kraft diesen Kreislauf zu durchbrechen, z.B. indem sie sich eine Arbeit suchen. Wenn nun Kik genau solchen Leuten kündigt, verhindert es effektiv den Ausbruch aus dem Prekariat (wenn überhaupt möglich, aber das ist eine andere Baustelle) – ein Paradebeispiel für unsoziales Verhalten.
Aber auch die Schuldeninformationsunternehmen sind Teil des Problems. Schufa- oder in diesem Fall CreditReform-Einträge können das Leben in der kapitalistischen Marktwirtschaft erheblich erschweren, wenn alle möglichen Geschäftspartner*innen plötzlich über die eigene miese Finanzlage Bescheid wissen. Während Leute mit viel Geld sowieso strukturelle Vorteile genießen werden damit Menschen, die wenig oder kein Geld besitzen doppelt struktuell benachteiligt: Einmal grundsätzlich ökonomisch und dann noch dadurch, dass es ihnen massiv erschwert wird, überhaupt ökonomisch tätig zu werden – eine Fähigkeit, die notwendig ist, wenn mensch in dieser Gesellschaftsform irgendwie ökonomisch überleben will. Schließlich scheint es im Kapitalismus also struktuelle Ungerechtigkeiten zu geben, die auch noch zementiert werden – welch eine Überraschung.
Da hilft uns auch die so oft beschworene „soziale Marktwirtschaft“ nicht weiter, die in meinen Augen sowieso nur aufgrund der Existenz des Ostblocks funktionieren konnte. In meinen Augen strebt der Kapitalismus immer danach, ein möglichst liberales Marktsystem zu etablieren und die Wachstumskräfte arbeiten dabei gegen alles an, was diese hemmt, also weitere Kostenfaktoren, zu denen ja auch die „Lohnnebenkosten“ oder besser: die „Sozialversicherungskosten“ zählen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Sozialabbau kommen würde, nachdem der Ostblock zusammengebrochen war, zumal der „Aufbau“ der ehemaligen „sozialistischen“ Staaten eine Menge Geld verschlungen hat. Und jetzt gibt es auch keine Arbeiter*innen- und Bäuer*innen-Staaten mehr, wohin mensch auswandern könnte.
Vielleicht kommen eines Tages mehr Menschen zu der Meinung, dass Reformen am Kapitalismus nichts bringen und nur das Leid und die Ausbeutung derjenigen verlängern, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ heißt es doch – aber ich bin ja was viele Dinge angeht in dieser Hinsicht ziemlich (verbal)radikal. Aber ohne Vision einer zukünftigen Gesellschaft wäre es töricht die jetzige zu stürzen, doch kann es ruhig viele unterschiedliche Visionen geben, hauptsache es gibt sie. Wenn das nämlich nicht der Fall ist, drohen ganz andere Gefahren. Visionen und Träume sind etwas wichtiges und richtiges und können auch Motvation zum Handeln sein – sie sind jedenfalls kein Grund, sich ärztlich behandeln zu lassen.