Revolutionärer Umsturz in Griechenland

Attentat
Jedenfalls ist dies wohl der Anspruch der sogenannten „Sekte der Revolutionäre“, die sich jetzt in Griechenland zu Anschlägen auf eine Polizeiwache und zu Morden an einem Blogger und an einem Polizisten bekannt hat. Ihr Ziel ist – wenig überraschend – die Abschaffung des Kapitalismus und dies wollen sie nun mit aller Gewalt durchsetzen und Griechenland in ein „Kriegsgebiet“ verwandeln und dabei auch Tourist*innen angreifen. Es gibt also wieder eine „klassische“ (oder besser: nostalgische) anarchistische Gruppe, die auch vor der „Propaganda der Tat“ nicht zurückschreckt.
Nun, auch wenn dies ein anarchistisches Blog ist, werde ich keine Freudensprünge machen und mich über jegliche Taten einer „anarchistischen“ (so können sich ja erstmal alle nennen) Gruppe machen, sondern deren Aktionen und Handlungen kritisch hinterfragen. Denn, selbst wenn diese Gruppe wirklich anarchistisch ist und für das „richtige“ Ziel kämpft, so heiligt der Zweck doch keinesfalls die Mittel und Menschen zu töten ist immer die letztmögliche Handlungsoption. Und dann gibt es da natürlich noch allerhand Verschwörungstheorien ala ‚false flag‘, aber damit möchte ich mich nicht weiter auseinander setzen.
Da ist erstmal dieses Attentat auf diesen Blogger, der angeblich etwas über Korruptionsfälle veröffentlichen wollte und wozu sich die Gruppe auch bekannt hat, die den gesamten Journalismus als „Eimer voll Scheiße“ bezeichnet. Auch, wenn ich geneigt bin, inhaltlich zuzustimmen, ist die Ermordung von Journalist*innen (oder anderen Medienschaffenden) etwas, was gar nicht okay ist. Diese Leute mögen im schlimmsten Fall „anti-anarchistische Propraganda“ betreiben, aber das sollen sie ruhig, schließlich haben „wir“ die besseren Argumente (auf sachlicher Ebene!), oder nicht? Ich meinen Augen ist es jedenfalls keineswegs anarchistisch, Leute wegen ihrer Meinung umzubringen.
Die Anschläge auf die Polizeistation und der Mord an dem Polizisten sind da eher „klassische“ Taten, die sich gegen die staatliche Gewalt richten, gegen die ja wahrscheinlich alle Anarchist*innen irgendwie ankämpfen. Doch ist es wirklich nötig, gleich Menschen zu töten? Ist die Situation schon so revolutionär, dass es notwendig ist, den Erfolg der Revolution durch Gewalt sicherzustellen? Ich denke, dies ist in Griechenland keineswegs der Fall, diese Taten sollen eher auf eine revolutionäre Situation hinarbeiten und hatten eher den Charakter eines „Präventivschlags“. Aber das würde bedeuten, dass diese Angriffe zu diesem Zeitpunkt noch nicht notwendig gewesen wären und somit waren die Taten überflüssig und haben trotzdem einen Menschen das Leben gekostet, aber der Begriff des „Präventivschlages“ scheint immer eine gute Rechtfertigung zu sein.
Es ist natürlich nicht leicht (eher sogar unmöglich) die Begebenheiten vor Ort über das Internet einzuschätzen und daher kann ich auch falsch liegen, weil ich die genaue Situation gar nicht kenne. Dennoch sollte es gewisse Grundsätze geben, die nicht verletzt werden sollten, wenn mensch einen emanzipatorischen Anspruch hat (vielleicht hat die Gruppe ja keinen), aber ich kann mir auch nicht anmaßen, diesen Anspruch zu definieren, ebensowenig wie ich „emanzipatorisch“ allgemeingültig definieren kann, dazu ist das Wort auch viel zu schwammig. Für mich persönlich das das Töten von Menschen jedenfalls eine Grenze, die nicht überschritten werden sollte.
Ohne Zweifel werden die Taten der Gruppe in den Medien rezipiert werden – wahrscheinlich auch über Griechenland hinaus und das kann dazu führen, dass der Begriff der „Anarchie“ seine schon vorhandene diffus-negative Bedeutung durch konkrete Fälle noch verstärken wird. Die Menschen werden nicht also nur „Anarchie“ fälschlicherweise mit „Chaos“ gleichsetzen, jetzt gibt es dazu noch eine Gruppe, die nach Mediensprech wohl „terroristische“ Anschläge begeht, was die meisten Leute wohl in ihrer Abneigung gegen anarchistische Gedanken bestärken wird. Dass eine Gruppe gar nicht stellvertretend für die anarchistische Bewegung stehen kann, ist den meisten dann vollkommen egal.
Ich würde jedoch niemals eine Gruppe verurteilen, deren Taten nur aufgrund der Medienpropaganda schlecht auf die Mehrheit der Leute wirken und ich habe ja schon beschrieben, wieso ich die Aktionen der „Sekte der Revolutionäre“ nicht gut finde. Aktionismus darf nicht mit Opportunismus einhergehen, so dass die eigenen Aktionen ausschließlich nur noch dazu dienen sich bei den Medien oder irgendeiner fantasierten Mehrheit anzubiedern. Wenn mensch Ideale hat, sollte sie/er auch dazu stehen und sich nicht durch Leute davon abbringen lassen, die sich inhaltlich damit gar nicht auseinandersetzen wollen, sondern nur auf bloße Diskreditierung aus sind.
Was ich damit sagen will: Es ist weder sinnvoll noch notwendig, zu versuchen, um jeden Preis eine möglichst große Zustimmung in der „Masse“ zu erreichen. Das soll aber auch nicht heißen, dass eine Minderheitspolitik gegen den Willen einer Mehrheit betrieben werden soll, sondern nur, dass es wahrscheinlich gar nicht möglich ist, auf normalem Wege eine breite Zustimmung herzustellen, ohne eigene Kernthesen aufzugeben. Materialistisch gesehen prägen ja die gesellschaftlichen Umstände die eigenen Gedanken, was bedeuten würde, dass es in einem funktionierendem Kapitalismus niemals eine Mehrheit von Anti-Kapitalist*innen geben könnte. Es würde also darauf ankommen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, die Vernunft würde dann folgen – andererseits gibt es auch die Ansicht, dass das Entscheidende für die Durchführung einer „Revolution“ das „richtige“ Bewusstsein ist. Welche Seite nun richtig liegt, kann ich nicht sagen, aber die „anarchistische“ Gruppe in Griechenland folgt eher der ersten These.
Zum Schluss bleibt also nur noch festzuhalten, dass es jetzt wieder „anarchistisch motivierte Attentate“ und Angriffe geben könnte, was eventuell auch zu einer höheren Medienaufmerksamkeit für das Thema führt. Vielleicht liegt es ja an den aktuellen Entwicklungen im Kapitalismus, der nicht mehr in der Lage ist, seine Wohlstandsversprechen einzulösen und auch nicht in der Lage zu sein scheint, die Wut der Unzufriedenen und „Überflüssigen“ zu kanalisieren. Da kann es tatsächlich dazu kommen, dass sich einige wieder daran erinnern, wie in früheren Jahrhunderten gegen die herrschenden Zustände vorgegangen wurde. Ob dies nun zu einer neuen Welle sozialrevolutionärer Aktionen führt oder zu einer massiven Aufrüstung des Staates oder zu beidem, das kann ich wirklich nicht ansatzweise sagen.


1 Antwort auf “Revolutionärer Umsturz in Griechenland”


  1. 1 Between Emancipation and Authority Trackback am 24. April 2011 um 15:48 Uhr
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