Wohltat oder Show?

Geldgassi
Ist das denn noch zu fassen? In den USA haben sich jetzt 40 Multimilliardär*innen zusammengefunden und sich dazu bereit erklärt, mindestens die Hälfte – teilweise sogar bis zu 95% – ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden, vielleicht, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben oder so, die Motive sind mir irgendwie nicht ganz klar. Die Frage dabei ist ja, geschieht dies vollkommen ohne Eigennutz, lassen sich die Spenden nicht irgendwie doch von der Steuer absetzen, geht es nur um die gute Presse? Unter den Spender*innen sind wirklich auch die reichsten Leute der Welt wie Bill Gates oder Warren Buffet, es kommt als eine ganze Menge zusammen. Doch sind Almosen, auch wenn es zig Milliarden sind, wirklich der richtige Weg die Probleme der Welt zu lösen?
Auch, wenn es sich anfangs so angehört hat, will ich die Motive der wohltätigen Spender*innen nicht in Frage stellen, das würde sich alles bloß im Bereich der Spekulation abspielen, also nehmen wir doch einfach mal an, dass jene dieses ganze Geld aus reiner Herzensgüte oder/und Menschenliebe spenden. Die große Frage ist nun, nützt das überhaupt was? Viele Projekte, angefangen bein freien Schulen bis hin zu alternativen Cafes sind leider meist auf Geld angewiesen, denn ohne Geld läuft im Kapitalismus nun eben gar nichts und diese Projekte freuen sich über finanzielle Spenden fast immer. Mit den Milliardenspenden wird es sich ganz ähnlich verhalten, die werden nun Stiftungen und/oder verschiedenen sozialen/Entwicklungshilfe/Bildungs-/Wasauchimmer-Projekten zugute kommen, die davon natürlich profitieren werden. Doch: Lassen sich damit die Probleme der Menschen wirklich lösen?
Zweifellos wird es durch diese enorme Menge an Geld vielen Leuten besser gehen, etwa, wenn sie Zugang zu „höheren“ Bildungsmöglichkeiten erhalten oder aber die lokale Infrastruktur enorm aufgebessert wird oder einfach nur ein Brunnen mit sauberem Trinkwasser gebaut wird – das alles lässt sich mit Geld leicht bewältigen und das will ich auch gar nicht abstreiten oder kritisieren. Ich frage mich nur, ob diese ganze Spenderei nicht nur Symptombekämpfung ist – von Problemen, deren Teil das Geld selbst ist. Schließlich werden jedes Jahr unglaubliche Mengen Geld gespendet, dennoch wächst der Welthunger langsam an und auch der Großteil der Menschheit hat immernoch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser – was läuft also falsch?
Kurz gesagt: Alles. Fehlendes Geld ist niemals ein grundsätzliches Problem, sondern immer nur eine Symptomatik in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem halt sowieso alles Geld kostet. Oder um es anders zu erklären: Wenn Essen für alle Menschen kostenlos wäre, wäre Armut (= zu wenig Geld) kein Grund für Hunger. Mit Geld lassen sich nun problemlos geldbedingte Probleme lösen – ist ja auch irgendwie klar. Was jedoch nicht, auch nicht von den Milliardär*innen angezweifelt wird, ist das Wirtschaftssystem, welches dieses Elend erst erzeugt, es ist ja auch dasselbe Wirtschaftssystem, das auch ihren Reichtum erzeugt hat und wer würde sowas schon anzweifeln? Dass damit schlussendlich nur kurzftistig gehandelt wird, wird ausgeblendet, denn schließlich könnte alles Geld der Welt nicht den Kapitalimus abschaffen.
Damit es zu keinen Missverständnissen kommt: Ich will hier keine zu kurz greifende Geldkritik vom Zaun brechen, sondern nur systemimmanente Lösungsansätze infrage stellen, die – meiner Meinung nach – strukturelle Probleme des Kapitalismus niemals lösen können. Die große Frage hierbei ist aber: Sollte mensch nicht trotzdem schon, auch mit systemimmanenten Mitteln, gegen systembedingte Probleme vorgehen – auch in dem Wissen, dass es grundsätzlich nichts ändert? Da würde ich wohl in den meisten Fällen zustimmen, denn auch diese systemimmanenten Lösungsansätze können die Leiden von Menschen durchaus verkürzen oder gar beenden. Da kommt wieder das Beispiel mit dem Brunnen: Ein gekaufter Brunnen ist auf jeden Fall besser als gar keiner. Daher wäre es auch zu kurz gegriffen, von einem rein ideologischen Standpunkt die Spendeninitiative der Milliardär*innen zu kritisieren.
Grundsätzlich – und das mag ja vielleicht sogar irgendwie ideologisch geprägt sein – sollte mensch aber versuchen, auch bei systemimmanentem Handeln immer eine Perspektive zur Überwindung des herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems im Auge zu behalten. Auch sollte darauf geachtet werden, dass durch das eigene Handeln Strukturen und/oder Institutionen gestärkt werden, die mensch eigentlich bekämpfen will (eine Partei stärkt auch immer den Parlamentarismus). Diese groben Ideen lassen sich sicher nicht zu 100% auf alle Einzelfälle übertragen und es kann im Einzelnen auch mal sinnvoll sein, mit diesen Ideen zu brechen, wenn das Ergebnis positiv sein kann – wobei dies nicht zu einem grenzenlosen Opportunismus einladen soll, es ist immer eine schmale Gratwanderung.
Wir sollten uns immer alle bewusst machen, dass wir nicht abseits der Gesellschaft leben und unabhängig von allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflüssen denken und handeln. Eventuell gibt es auch gar keine „nicht-systemimmanenten“ Lösungen, denn was steht schon außerhalb des kapitalistischen Systems und kann tatsächlich aktiv in dessen Sphäre eingreifen? Gäbe es immernoch eine Systemkonkurrenz, so könnte mensch mit Mitteln eines anderen Gesellschaftssystems versuchen, irgendwelche Probleme zu lösen, aber das funktioniert nun nicht mehr. Sprich: Da es keine anarchistische Föderation gibt, können wir auch nicht auf deren Ressourcen zurückgreifen, um im Kapitalismus Probleme zu lösen, wir haben nur die Mittel, die auch im Kapitalismus funktionieren – was nicht heißt, dass dies ausschließlich kapitalistische Mittel sind.
Es gibt aber noch einen anderen Punkt, der mit bei diesen großen Milliardenspenden auffält: Da es diesen Milliardär*innen so leicht fällt einen Großteil ihres Privatvermögens einfach zu verscheken, scheint es doch eine Grenzmenge an Geld zu geben und alles darüber hinaus ist es nur noch eine Zahl. mit der mensch aber nichts anfangen kann, denn endloser Konsum ist weder möglich noch sinnvoll. Kein Mensch kann unbegrenzt essen oder in 15 Autos gleichzeitig fahren oder in 12 Villen gleichzeitig wohnen. Das haben die Milliardär*innen sicher nicht so beabsichtigt und die meisten werden es auch nicht so interpretieren, aber ich kann es zwischen den Zeilen ganz deutlich lesen: Es ist möglich „zu viel“ Geld zu haben. Das bedeutet, aber einer gewissen Menge wird noch mehr Geld sinnlos. Die Konsequenzen könnten sein, dass ab einer gewissen Menge jegliches Privatvermögen abgeschöpft werden kann und damit würde auch der vorherrschende Eigentumsbegriff infrage gestellt und für diese Offenbarung bin ich den Milliardär*innen durchaus dankbar.
Aber nochmal zurück zu der Spendeninitiative: Ich glaube, es wäre falsch, sie grundsätzlich zu kritisieren, denn wahrscheinlich werden viele Menschen durch das gespendete Geld ein besseres Leben haben, zumindest für eine Weile. Was mensch durchaus kritisieren kann ist die Methode und den Glauben, die Probleme der Menschheit ließen sich mit Geld lösen, was nicht der Fall ist. Bevor Mensch sich also wieder auf einzelne Profiteur*innen des Systems einschießt, sollten lieber die grundlegenden Strukturen kritisiert und angegriffen werden, denn dann könnte es eines schönen Tages dazu kommen, dass Spenden gar nicht mehr möglich sind und Lohnarbeit und Geld nur noch verblasste Erinnerungen an eine vergangene Epoche sind. Bis es soweit ist, können wir ja auch ruhig mal was spenden.


1 Antwort auf “Wohltat oder Show?”


  1. 1 grob 06. August 2010 um 20:05 Uhr

    joooaaah,
    wer hat denn gesagt, dass sich diese probleme alle mit geld lösen lassen?

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