Wes‘ Straß‘ ich sehen kann

Google Car
Wahrscheinlich ist das Thema wieder einmal dem allgemeinen „Sommerloch“ geschuldet, aber ich kann nunmal nicht allzu viel zu irgendwelchen Naturkatastrophen kommentieren, so schlimm es auch sein mag – dafür gibt es ja auch Nachrichtenseiten. Daher also nun zu etwas völlig anderem: Noch in diesem Jahr soll Googles Dienst „Street View“ in 20 deutschen Städten starten und dort werden dann tatsächlich die Fassaden der Häsuer an den Straßen abfotografiert und mensch wird dann in der Lage sein, quasi „virtuell“ durch die Straßen zu wandern. Abgesehen von der generellen Kritik an Googles Datensammelwut und den Patzern mit den „aus Versehen“ mitgeschnittenen W-Lan-Daten empören sich nun viele Leute, dass durch diese Praxis ihre Privatsphäre gefährdet sei.
Datenschutz ist in der modernen grundsätzlich Welt etwas positives und zweifellos auch schützenswert und sollte nicht leichtfertig für irgendwelche Einkaufsrabatte aufgegeben werden. Wer über einen Menschen alles weiß, kann auch die totale Kontrolle ausüben und darum gibt es auch einen Haufen Sachen, die andere nichts angehen. Google hat zwar das Motto „Don‘t be evil“, aber dennoch bekleckert sich der Konzern nicht gerade mit Ruhm dabei, denn Google sammelt alle Daten, die es in die Finger bekommt, wohl auch um diese möglichst gewinnbringend zu verwerten und dabei geht es um viel mehr als die bloßen Suchanfragen – ein gewisses Misstrauen ist also durchaus angebracht. Selbst wenn andere Unternehmen und auch staatliche Institutionen noch wesentlich schlechter mit privaten Daten umgehen, ist das kein Grund, Google automatisch zu trauen, der erwähnte Skandal ist ja nicht der einzige.
Die Kritik der meisten Leute beruft sich auf die eigene Privatsphäre, die auch wohl das persönliche Eigentum, in diesem Fall also das Haus, mit einschließt. Das kann ich auch durchaus verstehen, ich muss es auch nicht unbedingt haben, dass alle Welt weiß, wie und wo ich genau wohne (wer meinen Twitter verfolgt, weiß ja von meinem Umzug), aber ohne Adresse wird es ziemlich schwierig sein, meinen Wohnort zu finden, selbst mit einem Foto von der Hausfassade. Aber auch ohne jegliche Gefahren oder Gründe muss das Bestehen auf die Privatsphäre in meinen Augen nicht weiter bekräftigt werden, ich will ja auch keine Fotos von mir im Netz sehen, schon gar nicht bei irgendwelchen Aktionen oder in einem sozialen Kontext, so dass mensch auf mein soziales Umfeld schließen könnte – über „soziale Netzwerke“ habe ich ja bereits genug erzählt.
Jetzt las ich aber in einem schlechten Onlinemedium aber einen interessanten Kommentar, der die Privatsphäre zwar vollkommen anerkennt, diese aber nicht auf das Privateigentum übertragen sieht. Das würde bedeuten, dass eigene Auto, Haus, Boot etc. fallen nicht unter den Datenschutz, da sie 1. nur Gegenstände sind und 2. nach entsprechender Bearbeitung keinerlei Rückschlüsse auf die Person zulassen. Wenn ich durch eine Straße scrolle und nichtmal die Namensschilder lesen kann (weil verpixelt o.ä.), dann weiß ich auch nicht, wer dort wohnt, außer ich habe schon vorher eine entsprechende Adresse erhalten. Der Autor des Kommentars bezeichnet die dazugehörige Haltung als „provinziell“, ich würde sie eher „inkonsequent“ oder „nicht durchdacht“ nennen, ohne das abwertend zu meinen – außerdem lehne ich das Konzept von Privateigentum ja auch ab.
Generell geht es beim „Street View“ um den öffentlichen Raum, dort, wo sich alle Menschen relativ frei bewegen können und eigentlich auch bei ihrem Handeln gewisse Freiheiten genießen. Ich kenne auch kein Gesetz, dass mir das fotografieren schöner Gebäude verbietet und ebenso keines, welches mir untersagt, diese Fotos hochzuladen und mit einem „Schönes Haus in der Karl-Marx-Allee in Berlin“ zu kommentieren, warum auch, schließlich können alle Menschen selbst gleichwertige Fotos machen oder den angegebenen Ort selbst problemlos besuchen und sich das Gebäude in der Realität anschauen und erhalten dann wesentlich mehr Informationen als durch mein Foto – oder durch die Fotos von „Google Street View“. Wer also einen Datenschutz auch für seine Hausfassade fordert, will das Unmögliche, denn diese Fassade ist IMMER in der Öffentlichkeit, egal, ob mensch will oder nicht – außer mensch würde in einem unterirdischen Bunker wohnen.
Da eine bloße Hausfassade keine Rückschlüsse auf die Identität der Bewohner*innen zulässt, sehe ich auch nicht, wieso hier der Datenschutz greifen sollte, so sind ja erstmal keine Personen betroffen und „Street View“ liefert auch keine Informationen, die ich nicht auch so bekommen könnte. Wenn es natürlich Gesetze geben sollte, die entsprechende Praktiken verbieten würden, wäre das etwas anderes, wobei ich mich persönlich nicht unbedingt um Legalität und Illegalität schere, das wird ja auch nur willkürlich nach den Interessen des Staates festgelegt. Es lässt sich nur festhalten, dass ich durch „Google Street View“ maximal dieselben Informationen erhalten kann wie durch den realen Besuch der Örtlichkeit, in den meisten Fällen wohl weniger, da Nummern- und Namensschilder verpixelt werden. Solange ich niemenschem verrate, wo ich wohne, werden sie es auch durch „Google Street View“ nicht herausfinden können.
Zur Klarstellung: Ich will hier weder Google noch sonst irgendwelche Konzerne verteidigen, Google selbst boykottiere ich aufgrund seiner Datensammelei komplett (das geht problemlos, es gibt genug Alternativen) und ich kann auch das Misstrauen und die Kritik verstehen, jedoch ist der Ruf nach der Privatsphäre die falsche Lösung, da diese gar nicht betroffen sein wird. Die Frage sollte eher lauten: Wieso fährt ein Konzern durch die halbe Welt und fotografiert sie und stellt die Bilder ins Netz? Bestimmt nicht aus reiner User*innenliebe, irgendein Zweck wird da schon hinterstehen, welcher das ist, oder ob Google tatsächlich sinnlos Geld verbrennt, kann ich nicht sagen und Spekulationen mag ich bekanntlich nicht. Spannend wird auf jeden Fall die Umsetzung der Widersprüche mit verpixelten Hausfassaden – vielleicht wird „Street View“ dadurch zu „Matsch View“ und sowas braucht keine*r.
Noch viel lustiger ist allerdings der Sachverhalt, dass die meisten, die sich über das große „Street View“-Projekt aufregen, wahrscheinlich im sonstigen Leben keine Datenschutzpofis sind, ihnen auch vollkommen egal ist, dass der Staat ihre Telekommunikationsverbindungsdaten für sechs Monate speichert oder sie durch ihre Handys jederzeit ortbar und abhörbar sind. Und wenn Bücher etwas über die Persönlichkeit aussagen, „weiß“ Amazon wahrscheinlich mehr über viele Menschen als irgendwelche Bekannten derjenigen. Die Heuchelei an diesem Punkt ist die, dass mensch sich über gewisse Datenschutzeinschränkungen oder -brüche aufregt, andere – die zT wesentlich weitreichender sind – aber kommentarlos hinnimmt. Menschen, die sich um ihre Hausfassade sorgen, die aber ihre Beziehungen in sozialen Netzwerken entblößen, ihre Konsumgewohnheiten an Rabattkartenhersteller*innen verkaufen und durch ihr Navi im Auto metergenau verfolgt werden können, kann ich auf keinen Fall auch nur ansatzweise ernst nehmen.
Eventuell sollte mensch sich einfach mal klarmachen, dass Technik, wozu auch die sogenannten „neuen Medien“ zählen, nicht neutral ist, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext immer eine gewisse Funktion erfüllt. Diese „Erkenntnis“ sollte uns zumindest mit einem gesunden Misstrauen gegenüber den neusten „Moden“ ausstatten, denn manchmal geht die Nutzung von Technik auch mit einem gewissen Verlust der eigenen Anonymität einher oder mensch verzichtet sogar absichtlich darauf. Ebenso sollten wir nicht glauben, es wäre immer unfassbar leicht, Technik zu kontrollieren, es ist nämlich umgekehrt ebenso leicht, durch Technik kontrolliert zu werden, Überwachungskameras sind da nur die Spitze des Eisbergs – stellt euch nur mal ein Szenario vor, wenn an einem Morgen alle Wecker ausfallen, das gäbe ein riesiges Chaos – wer kontrolliert hier also was?
„Google Street View“ ist sicher nicht der Weltuntergang, aber auch keinesfalls die Offenbarung, die Kritik ist nicht ganz unberechtigt, sie sollte jedoch eine feste Grundlage haben und nicht Gegenständen dieselben Rechte zugestehen wie Personen und wer Google ärgern will (sowas ist ja immer gut) soll ruhig einen Widerspruch einlegen, so dass wir bald in den Genuss von „Matsch View“ kommen und ich bin sehr gespannt, wie unkenntlich gemachte Fassaden aussehen. Etwa nur ein schwarzer Fleck mit etwas Garten drumherum? Abwarten, bis dahin wäre es einfach klug, die eigene Adresse möglich privat zu halten, dann ist auch „Street View“ keine Gefahr oder mensch zieht einfach um, dann ist es auch egal.


1 Antwort auf “Wes‘ Straß‘ ich sehen kann”


  1. 1 Luft 12. August 2010 um 14:32 Uhr

    Danke für den interessanten artikel – bloß wobei beziehst du dich bei diesem satz: „und durch ihr Navi im Auto metergenau verfolgt werden können, kann ich auf keinen Fall auch nur ansatzweise ernst nehmen.“

    ich finde das mit dem Reihenweiße datensammeln auch sehr problematisch, grad weil nicht nur Bilder gesammelt wurden. ABER wenn google wirklich alle auflagen erfüllt, mit dem unkenntlich machen der menschen etc. Dann geht die sach in ordnung. Denn ob mein haus nur von oben oder dann auch noch von der seite fotographiert wurde macht den kohl auch nicht mehr wirklich fett.

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