Scheiß auf Deutschland!

Staat. Nation. Kapital. Scheiße.
Passend zum miesen Wetter war es wieder so weit: Wie jedes Jahr beging die BRD ihren Festakt am dritten Oktober, um sich selbst und die sogenannte „Einheit“ (faktisch handelte es sich nur um den Beitritt der heutigen ‚neuen‘ Bundesländer zur BRD) abzufeiern. Das Spektakel fand wie vor 16 Jahren in Bremen statt, die Bundesländer wechseln sich bei der Ausrichtung der Feier immer ab. Im Jahre 1994 musste der damalige Bundespräsident vorzeitig abreisen, da die Ausschreitungen zu heftig waren und auch im Vorfeld der Aktionen dieses Jahres wurde ein wortgewaltiges Schreckensszenario aufgebauscht. Aber ich will euch nicht zu sehr mit öden Einleitungen langweilen, sondern ein wenig darüber schreiben, wie es denen ergangen ist, die am Samstag versuchten dem nationalistischen Taumel ordentlich die Feierlaune zu verderben.
Eines vorweg: Es gab keine Neuauflage von 1994, offensichtlich wollten die Verantwortlichen sowas um jeden Preis vermeiden. Nicht vermeiden ließ sich der Regen, der am Mittag auf alle herunterprasselte, sich aber pünktlich zum Demobeginn verabschiedete. Apropos Demo: Es gab neben der antinationalen Demo noch eine Demonstration einiger „Kommunist*innen“, die teilweise überidentifizierend mit zugespitzten Aussagen den Kapitalismus predigten, teilweise aber auch in FDJ-Kleidung (wenn mensch das nicht gesehen hat, mag mensch das kaum glauben) etwas von „20 Jahre Annektion“ herumriefen, wobei sie zumindest beim letzen Punkt nicht völlig daneben liegen. Alles in allem eine sehr seltsame Veranstaltung, die aber auch nicht sonderlich gut besucht war – unter 100 Teilnehmer*innen.
Die große Demo des Tages unter dem Motto „Kein Tag für die Nation – Kein Tag für Deutschland“ konnte – wie das bei so dunkel gekleideten Demos so üblich ist – erst mit deutlicher Verzögerung starten, da die Polizei noch zusätzliche Auflagen beschloss und diese auch durchsetzen wollte. Insgesamt hatten sich mindestens 2000 Menschen an diesem Tag eingefunden, um kundzutun, dass sie weder diese Deutschlandfeierei noch Nationalismus im Allgemeinen etwas abgewinnen konnten, die Mobilisierung lief bundesweit und mit dieser Zahl war im Vorfeld auch gerechnet worden. Lautstark setzte sich die Demo schließlich in Bewegung, begleitet von einem gut dimensioniertem Polizeiaufgebot.
Obwohl genug Beamt*innen den Demozug begleiteten, blieb es bis zum Ende überaus ruhig und kam zu keinen nennenswerten, größeren Zwischenfällen, dabei flogen schon in den ersten Minuten Böller in die Reihen der Behelmten, die darauf aber überraschend gelassend reagierten. Auch das Zünden von Bengalos (bengalisches Feuer) in der Demo und weitere Böllerwürfen rief keine Reaktion des Polizeiaufgebotes hervor. Jedoch sollten die Pyro-Spezialist*innen das nächste Mal in einer Unterführung auf die Böllerwürfe in die eigenen Reihen verzichten, sowas ist wahrlich nicht nötig. Angeblich sollen im Laufe der Zeit auch Flaschen auf die Polizeibegleitung geflogen sein, doch das könnte auch nur ein Medienmärchen sein.
Während in Stuttgart bereits einige Schüler*innen genügten, einen Wasserwerfereinsatz zu provozieren, wurden die bereitstehenden Fahrzeuge in Bremen nicht eingesetzt. Wie schon angemerkt, sollte sich das Szenario von 1994 offensichtlich unter keinen Umständen wiederholen, daher waren die Beamt*innen wohl zu enorm deeskalierender Passivität verdammt worden. Zur Deeskalation trug auch die (zu) lange Route der Demo bei, die viele sicherlich sehr ermüdete, ebenso wie das ständige Anhalten und Weitergehen, wobei die Stopps idR ohne erkennbaren Grund erfolgten. Schade auch, dass die Lautiwagen keine ausreichende Lautstärke erreichten, so dass ein Großteil der Menschen in der Demo die Redebeiträge quasi nicht verstehen konnte.
Noch ein großes Stück vor dem Endpunkt wurde die Demo von den Veranstalter*innen aufgelöst. Doch auch an der Stelle blieb es sehr ruhig, die Polizei zog sich relativ schnell zurück und mensch konnte somit relativ problemlos zum Bahnhof zurückkehren. Die Innenstadt war jedoch „gesperrt“ – zumindest für Leute, die schwarze Basecaps und Kapuzenpullis trugen. An dieser Stelle ein kleines Zwischenfazit: Es waren zwar viele Menschen zur Demo erschienen, dennoch blieb mensch teilweise mit gemischten Gefühlen zurück, teilweise wegen der (Über-)Länge der Demo, teilweise wohl wegen der geringen „Wirkung“, schließlich führte die Route von den Festmeilen in den Innenstadt immer weiter weg. Vielleicht hätten ein paar kleinere Ausschreitungen bei einigen ein besseres Gefühl hinterlassen, zu denen kam es aber jedoch nicht.
Dass Nationalismus Scheiße ist, muss wohl nicht nochmal groß erklärt werden, schließlich sucht sich kein Mensch den eigenen Geburtsort aus, und zu einer zufälligen Gegebenheit muss mensch auch keine engere Bindung entwickeln. Und Leute aus einem konstruierten Kollektiv auszugrenzen, weil sie eine andere Sprache sprechen, oder im Zweifel 20 km weiter weg geboren worden sind, entbehrt jeder vernünftigen Grundlage. Für den Staat ist es dennoch nützlich, wenn sich die Bürger*innen mit ihm identifizieren, entfällt so einiges an Überzeugungsarbeit, wenn es darum geht, persönlichen Verzicht zum kollektiven Wohl zu üben. Wenn ihr euch ein paar niedrigschwellige Texte zum Nationalismus anschauen wollt, kann ich euch die aktuelle „Straßen aus Zucker“ (wenn auch kommunistisch) empfehlen, daneben gibt es auch noch einen lesenswerten Text von Emma Goldman mit dem Titel „Patriotismus – Eine Bedrohung der Freiheit“.
Für mich persönlich ist Nationalismus (sowas wie „Patriotismus“ ist nur ein Euphemismus für dieselbe Sache) einfach nicht nachvollziehbar. Wieso entscheiden sich einzelne Menschen dazu, „stolz“ auf ihren zufälligen Geburtsort zu sein, die Geschichte von irgendwelchen Fremden als die „eigene“ zu sehen oder sogar aus unerklärlichen Gründen gewisse „Bräuche“ zu pflegen? In einigen Fällen mag es der Wunsch nach der Aufnahme in eine Gemeinschaft sein, in anderen Fällen vielleicht nur die eigene, nationalistische Sozialisation oder sogar schlicht und einfach sozialer Druck (Versucht mal, bei der WM zu erklären, warum ihr nicht die BRD anfeuert.). Ob nicht sogar eher der mögliche Zusammenhang des wirtschaftlichen Erfolges des Staates in der internationalen Konkurrenz mit der eigenen ökonomischen Situation eine Rolle spielt, will ich an dieser Stelle nicht abschließend beantworten.
Unabhängig von den möglichen Gründen für eine noch so absurde nationalistische Einstellung sind die Konsequenzen von Nationalismus viel entscheidender: Ausgrenzung, Rassismus, Unterdrückung und in manchen Fällen sogar Imperialismus oder Krieg. Wer nicht zum „nationalen Kollektiv“ dazugehört, bleibt außen vor, nicht nur bei komischen Feiern, sondern oft auch bei der Teilhabe sozialer und politischer Rechte. Wer sich bewusst der konstruierten Gemeinschaft verweigert, muss mit Konsequenzen rechnen und wer sich sogar aktiv gegen eine Nation auflehnt, kann davon ausgehen, dass sie*er die volle Härte der Staatsgewalt zu spüren bekommt. Menschen sollten zueinander solidarisch sein, weil sie Menschen sind – und nicht, weil irgendwelche belanglosen Worte in noch belangloseren Dokumenten stehen.
Viele menschliche Probleme machen nicht an Grenzen halt: Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, staatliche Repression, ökonomische Ausbeutung, Rassismus oder Sexismus sind Dinge, die Menschen unabhängig von ihrer Staatszugehörigkeit betreffen und die auch gemeinsam effektiv bekämpft werden können. Wieso sollten Arbeiter*innen aus unterschiedlichen Staaten nicht zusammen gegen schlechte Arbeitsbedingungen vorgehen und gemeinsam streiken? Wo liegt der Unterschied zwischen den Menschen in Stuttgart, die von der Polizei verprügelt werden und denen, die in Ecuador Prügel beziehen? Wenn mensch nur einen Moment innehält, dann kommt schnell die Einsicht, dass Pseudo-Unterschiede wie Sprache oder „Kultur“ oftmals nur dazu dienen, Gemeinsamkeiten zu verschleiern. Wir sollten zusammen mit Menschen kämpfen, die ähnliche Probleme haben und nicht zwangweise mit denen, die ähnliche Ausweisdokumente haben.
Zum Schluss mag ich noch ein beliebtes Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer anfügen:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. […] jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

Da hatte er wohl mehr als nur Recht.


1 Antwort auf “Scheiß auf Deutschland!”


  1. 1 blu 03. Dezember 2010 um 0:51 Uhr

    Gab schon lang nichts neus mehr… Schade =(

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