Das Ende von „Triple A“

Dollar-Crash
Es liegt zwar nun schon zwei Tage zurück, aber gerade durch diese geringe Distanz und unter dem Gesichtspunkt der nichterfolgten Katastrophen ist es sicher einfacher, die Sache nüchtern zu betrachten. Grundsätzlich geht es um nichts Geringeres als die Zahlungsunfähigkeit der USA. Das mag zwar etwas übertrieben klingen, aber im Kern bedeutet eine potentielle Abstufung der Kreditwürdigkeit meist ein mangelnder Glaube an die Zahlungsfähigkeit. Horrorszenarien vom Dollar-Crash haben sich bisher nicht bewahrheitet und werden wohl auch noch eine Weile auf sich warten lassen. Der Kapitalismus ist halt nicht so leicht kleinzukriegen.
Warum überhaupt die ganze Aufregung? Im verlinkten Artikel steht ja auch nicht viel mehr, als dass eine bekannte Ratingagentur überlegt, das Top-Rating der USA in den nächsten zwei Jahren herabzustufen. Staaten wie Griechenland oder Portugal (und auch Japan) können von so einem AAA-Rating nur träumen. Doch auch die USA sind massiv verschuldet, das Gesamtdefizit beträgt etwa 14 Billionen Dollar, knapp 80% des BIPs der USA, Wachstumsaussichten sind ebenso mies wie bei den schwächelnden Euro-Ländern. Aber im Gegensatz zu griechischen erfreuen sich US-Staatsanleihen noch großer Beliebtheit und werden weiterhin weltweit als Anlage benutzt, auch in Asien, wobei China seine Währungsreserven mittelfristig umschichten will.
Während manche Verschwörungstheoretiker*innen nun fleißig Dosennahrung kaufen, können wir schon beruhigt bleiben, ein weltweiter Währungscrash steht sicher nicht bevor. Ob das naiver Optimismus ist? Ich glaube nicht, denn es gibt zur Zeit keine Alternativen zum Dollar als weltweiter Leitwährung. Und auch, wenn China einen Großteil seiner Finanzreserven in Dollar besitzt und diese abbauen will, wäre ein schneller Wertverfall der US-Währung auch für China im Moment extrem kontraproduktiv. Die Märkte reagierten zwar im ersten Moment geschockt, holten die anfänglichen Verluste aber überwiegend im Laufe des Tages wieder rein, zumal der Euro, der als potentielle nächste Welt-Leitwährung schon in den Startlöchern steht, gerade selbst kippelt.
Doch was hat das Ganze überhaupt mit dem Kapitalismus zu tun? Fällt der gleich mit um, wenn der Dollar seine Leitwährungsrolle verlieren sollte? Selbst, wenn der Dollar plötzlich nichts mehr wert sein würde, gäb es noch Ausweichwährungen, angefangen beim erwähnten Euro bis hin zum chinesischen Yuan. Daneben hat das aktuelle Leitwährungssystem massive Nachteile für die USA und deren Wirtschaft, denn dadurch häuft die USA immer mehr und mehr ein gigantisches Außenhandelsdefizit an, welches sie nicht mehr decken können wird. In diesem Sinne ist dann auch Chinas Interesse an einem stabilen Dollar zu verstehen, da sonst dort die eigenen Schuldscheine wertlos werden würden und dies kaum ohne einen wirtschaftlichen Absturz ablaufen würde.
Eines lässt sich zweifellos an der Situation festhalten, ohne dass ich jetzt tief in wirtschaftliche Fachliteratur schauen muss und komplizierte Zusammenhänge erklären muss: Die wirtschaftliche Situation der USA mag fürchterlich schlecht sein, trotzdem wird den Staatsanleihen weiterhin vertraut, daher bleibt die USA auch weiterhin kreditwürdig. Das entscheidende Wörtchen im vorangegangenen Satz ist „Vertrauen“, denn um mehr geht es hier nicht. Es geht nicht um komplizerte Berechnungen, um Wirtschaftsdaten oder um analytische Prognosen, nein, es geht um den bloßen Glauben daran, dass die USA auch noch in 10 Jahren zahlungsfähig sein werden. Und da sage nochmal irgendwer, Wirtschaft laufe logisch und rational ab.
Ähnlich verhält es sich auch mit dem Kapitalismus insgesamt. Zwar neigt das System zu einer massiven Instabilität aufgrund der wiederkehrenden Krisen, aber da keine Alternative gedacht wird, ist ein Zusammenbruch ausgeschlossen, koste es, was es wolle – und seien es Billionen Dollar/Euro/Wasauchimmer. Da das System nicht zusammenbrechen darf und für viele auch keine Alternativen denkbar sind, stabilisiert sich so ein instabiler Dauerzustand, etwa ein „Schrecken ohne Ende“, welcher wohl dem „Ende mit Schrecken“ vorgezogen wird. Wenn der Glaube an den Kapitalismus nicht grundsätzlich und weitestgehend erschüttert wird, wird dieser nicht zusammenbrechen, egal, wie groß die Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen geworden sind. Und das ist dann auch ein Punkt, an dem Marx Unrecht hatte.