Bin tot

Obama kriegt Osama
Nach langen zehn Jahren ist es endlich passiert: Die USA besiegen (und töten) ihren Erzfeind: Osama bin Laden. Das ist zwar nun schon ein paar Tage her, aber die Diskussionen (und üblichen Verschwörungstheorien) reißen nicht ab, daher sehe ich mich – mehr oder minder – auch dazu genötigt, etwas dazu zu schreiben. Nun, zweifellos ist dies (abseits komischer Wortwitze wie ‚Obama kriegt Osama‘) wohl eines der bedeutensten politischen Ereignisse dieses Jahres – 2011 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die USA ihre „Rache“ (oder vielleicht doch „Gerechtigkeit“?) bekommen haben und der „Krieg gegen den Terror“ erstmals echte Erfolge zeigt. Doch es ist nicht immer alles so schön und toll, wie es auf den ersten Blick scheint und ich bin ja hier eigentlich auch dazu da, den Leuten die Feierlaune zu verderben.
Grundsätzlich finde ich es nicht angebracht, den Tod von irgendwelchen Menschen auf eine ausgelassene Art und Weise zu feiern. Ja, auch heute erfreue ich mich nicht an dem Tod einiger Nazis wie Leichsenring oder Rieger, ähnlich geht es mir bei Bin Laden. (Habe ich den jetzt mit Nazis in eine Reihe gestellt? War nicht meine Absicht.) Es bedarf schon einer gewisser Pietätlosigkeit, um sich so sehr über den gewaltsamen Tod eines Menschen zu freuen, wobei ich den Angehörigen der Opfer von 9/11 eine gewisse Genugtuung dennoch nicht absprechen will. Aber ist es wirklich notwendig, sich so sehr zu freuen, dass mensch auf die Straßen rennt, Flaggen schwenkt und große Parties feiert? Es geht hierbei wohl um mehr als nur um den Tod eines Menschen, es geht um einen heftigen Schlag gegen die Terrorist*innen, die vor fast 10 Jahren über 3000 Menschen in den Tod rissen, Bin Laden ist nur die Gallionsfigur gewesen, der „Kopf“, der nun endlich abgeschlagen scheint.
Was mich persönlich betrifft: Ich habe nicht gefeiert oder mich sonderlich gefreut. Das hatte aber einen anderen Grund, ich ging nämlich davon aus, dass Bin Laden schon seit mehreren Jahren tot sei. Da war es für mich natürlich eher eine Überraschung, dass er wohl noch (und das nicht schlecht) gelebt hat, aber mein Blick auf die Welt hat sich dadurch nicht verändert, denn es macht für mich keinerlei Unterschied, ob ich nur glaube, dass Bin Laden tot ist, oder ob er es nun tatsächlich ist. Allgemein gehe ich davon aus, dass er keine große Rolle mehr im Al-Kaida-Netzwerk mehr gespielt hat, aber diese Einschätzung mache ich hier nur unter Vorbehalt, wer weiß, was noch so auf seinen Festplatten gespeichert war.
Viel interessanter sind da doch ethische Diskussionen. Es wäre jetzt natürlich ein leichtes für mich, die Operation als „Mord“ zu bezeichnen und grundsätzlich zu verurteilen, aber ich sollte nicht zweierlei Maßstäbe an meine eigene Moral und an die Moral der USA anlegen, daher stützt sich meine Kritik auf die Standards der USA. Diese sind nämlich ohne Zweifel ein Rechtsstaat und sie achten auch die Menschenrechte in einem weiten Maße, der grundsätzliche Liberalismus in der Gesellschaft geht für europäische Überlegungen vielleicht gar in einigen Bereichen etwas weit – ich find das hingegen oftmals toll. Doch ich glaube, dass die USA in diesem Fall ihre eigenen Standards nicht eingehalten haben. Wenn es möglich gewesen wäre, Bin Laden lebendig zu schnappen, hätte dies geschehen müssen und ihm hätte der Prozess (wahrscheinlich mit Todesstrafe am Ende) gemacht werden müssen. Klar, auch da wäre viel Kritik gekommen, aber immerhin hätten die USA versucht, die Rechtsstaatlichkeit zu wahren, wie es auch schonmal getan haben – nach dem zweiten Weltkrieg.
Menschen- und andere Grundrechte gelten auch für Terrorist*innen, damit auch für Bin Laden. Es kann keinen „Ausnahmezustand“ geben, indem willkürlich irgendwelchen „Gegner*innen“ der herrschenden Ordnung diese Rechte entzogen werden, denn dann wären die Rechte nichts mehr wert und die westliche Zivilization hätte nichts, womit sie ihre vermeintliche moralische Überlegenheit unter Beweis stellen könnte. Aber gab es nicht gerade diesen „Ausnahmezustand“? Al Kaida und andere Terrorgruppen haben der „westlichen Welt“ den Krieg erklärt und im Krieg sind andere Mittel erlaubt als zu Friedenszeiten, auch im Sinne des internationalen Rechtes. Aber dieses Recht grenzt auch Kriegszustände von Friedenszeiten deutlich ab und zwar räumlich und zeitlich. Der „Krieg gegen den Terror“ wird hingegen permanent und überall geführt, ein „Ausnahmezustand“, der zum Alltag geworden ist und in dessen Namen Grundrechte wie altes Essen weggeworfen werden, ist einer politischen Kultur, die sich die Werte der Aufklärung wie Freiheit, Geschwisterlichkeit und Gleichheit auf die Fahnen schreibt, nicht würdig.
Wenn sich die selbsternannte „westliche Welt“ aber nun im Kampf gegen den Terror selbst zuschreibt, genau diese Werte gegen die Terrorist*innen zu verteidigen, ensteht hier ein grobes Missverhältnis. Diese Werte zu verteidigen, bedeutet nicht nur, mit allen Mitteln die innere Integrität zu bewahren, sondern vor allem diese Werte nach außen zu vermitteln, zu vertreten und zu verteidigen. Aktuell ist eher das Gegenteil der Fall. Falls es noch so etwas wie „westlich-aufgeklärten Werteuniversalismus“ geben sollte, nimmt er durch „gezielte Tötungen“ und ähnliche Aktionen – ich sage hier nicht, dass Osamas Tod eine „gezielte Tötung“ war, das ist noch unklar – schweren Schaden. Wer die eigens propagierten Werte nicht vertritt und auch im Handeln zur Geltung kommen lässt, hat keinerlei Glaubwürdigkeit und kann sich auch nicht als Retterin der Aufklärung darstellen. Sicher mag Bin Ladens Tod für die USA eine psychologische Erholung sein, für die westlichen Werte ist sie jedoch mindestens ein Kratzer (wobei da verschiedene Umstände meine Bewertung noch verändern könnten).
Ferner bin ich der Meinung, dass sich eine „Demokratie“ oder „freiheitliche Gesellschaft“ nicht mit allen Mitteln verteidigen darf, denn sonst ist sie nichts weiter als eine schön verpackte Barbarei. Während andere Systeme offen barbarisch sind und Menschenrechte mit Füßen treten, scheinen diese im Westen auch nur dann zu gelten, wenn sie politisch opportun sind – was zugegebenermaßen noch ziemlich häufig der Fall ist, Tendenz aber fallend. Die Wahl zwischen Aufklärung und Barbarei ist nicht nur eine Wahl zwischen verschiedenen Lebensstilen, sondern auch eine Wahl zwischen unterschiedlichen Mitteln und Werten. Aber auch die aufgeklärte Vernunft muss über sich selber reflektieren, so wie die westlichen Gesellschaften über ihr eigenes Vorgehen gegen den Terrorismus reflektieren müssen. Was nützt mir ein Staat, der mir meine Freiheiten nimmt, um mich vor Terrorist*innen zu schützen, die mir meine Freiheiten nehmen wollen?
Soweit meine Kritik im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit und westlichen Werte. Meine persönliche Meinung sieht dann schon etwas anders aus und die will ich euch auch nicht ganz vorenthalten. So muss ich zugeben, dass ich Gewalt, und auch Gewalt gegen Personen, nicht völlig ablehne. Im Rahmen einer begrenzt teleologischen Ethik sehe ich es manchmal schon ein, dass der Zweck die Mittel heiligen kann, wenn auch nicht grenzenlos – historische Beispiele verkneife ich mir an dieser Stelle. Schließlich bin ich auch kein*e Vertreter*in westlicher Werte, sondern eher Nihilist*in im weitesten Sinne – was nicht bedeutet, dass ich persönlich ein ‚anything goes‘ bevozuge, ich habe auch gewisse Wertpräferenzen, sehe diese aber nicht als „besser“ an als andere. Falls es Situationen gibt, wo extrem großes Leid durch geringe Opfer verhindert werden kann – wieso nicht? Philosophische Diskussionen würden aber doch irgendwie den Rahmen meiner Meinung sprengen. Oder um es mal auf den Punkt zu bringen: Ich dachte, Bin Laden wäre tot – nun ist er es. Keine Veränderung. Gibt Wichtigeres.

Vielleicht zum Schluss noch ein kurzer Hinweis auf die Doppelmoral mancher Politiker*innen. Denn es werden nicht alle Tötungseinsätze mit derselben Euphorie begrüßt und gefeiert wie die Tötung Bin Ladens. Ob das eine Doppelmoral oder doch wieder einmal gewöhnlicher Antisemitismus ist, dieses Urteil überlasse ich den Leser*innen – wahrscheinlich ist es jedoch beides. Wobei die Tötung eines aktiven Terroristen (in diesem Fall Scheich Yassin) wohl wesentlich mehr Leid verhindern konnte als sie anrichtet. Anstatt mich nun auf Einzelfälle zu stürzen und komische Rechnungen vorzunehmen, lasse ich alle, die um die Aufklärung besorgt sind, mit einem mulmigen Gefühl im Magen allein und genieße den Sonnenschein. (Oh, ein Zufallsreim)

P.S.: Diese Politik nervt schon ein wenig, nicht wahr? ;) Demnächst blogge ich einfach mal wieder was über Videospiele.


2 Antworten auf “Bin tot”


  1. 1 Dinkelchen 06. Mai 2011 um 18:43 Uhr

    interessant finde ich den einwand, dass es im falle einer gefangennahme bin ladens möglicherweise zu massenhaften entführungen/bedrohungen us-bürger_innen gekommen wäre um ihn frei zu erpressen…

  1. 1 Between Emancipation and Authority Trackback am 09. Mai 2011 um 19:16 Uhr
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