Dieses Blog bleibt als Archiv der alten Beiträge weiterhin vorhanden und kommentiert werden kann auch noch, aber ich werde hier wohl nicht mehr allzu häufig reinschauen.
Also, viel Spaß mit dem neuen Duab!
Mensch liest sich!

Ich finde sicher demnächst noch einmal mehr Zeit, genauer auf diese reformistische „Bewegung“ einzugehen, eventuell besuche ich sogar – aus rein ‚journalistischen‘ Gründen – eine dieser gruseligen Veranstaltungen.
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Weit liegen die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück, da der Kapitalismus allgemein nur als »Schweinesystem« bezeichnet wurde, tatsächlich aber, im Westen wenigstens, ein weitgehend menschliches Antlitz trug und gegen seine Kritiker leicht verteidigt werden konnte.
Der Kapitalismus, im Zeit-Artikel übrigens stark (grammatisch) personalisiert, hatte also ein menschliches Antlitz und erfüllt sein Heilversprechen vom Wohlstand für alle. Nur nicht in dieser Welt. Es gab sicherlich Zeiten, insbesondere als noch ein alternatives Gesellschaftssystem existierte, wo in kapitalistischen Gesellschaften nur geringe Arbeitslosigkeit herrschte und keine scharfen Wohlstandsgefälle wahrnehmbar waren. Doch ein kapitalistisches Wirtschaftssystem basiert immer auf der Abschöpfung des durch menschliche Arbeit produzierten Mehrwerts und der Trennung der meisten Menschen vom Eigentum an den Produktionsmitteln, so dass sie nicht selbst für ihr ökonomisches Wohlergehen sorgen können. Der produzierte Wohlstand wurde auch nie nach Bedürfnis, sondern durch den Markt verteilt.
Der naive Glaube, er gäbe so etwas wie einen „gehemmten“ oder „sozialen“ Kapitalismus hat sich und wird sich auch in Zukunft immer als falsch erweisen. Profitmaximierung ist bei kapitalistischer Konkurrenz das legitime und notwendige Ziel einer jeden Unternehmung und andere Effekte wie „gerechte Löhne“ (was auch immer das sein mag) oder „Umweltschutz“ stehen hinten an, wenn sie nicht auf politischer Ebene erzwungen werden. Vielleicht hat der Zusammenbruch des Ostblocks und das Scheitern des sozialistischen Experiments nur die Entwicklung des Kapitalismus beschleunigt und auch ohne die „Wende“ wäre es zu Finanzkrisen (die es ja vorher auch gab) und weltweiten Rezessionen gekommen. Doch mit dem Konjunktiv lässt sich nur spekulieren. Ich frage mich an dieser Stelle nur, woher dieses verklärte Bild des „alten Kapitalismus“ kommt, der ja früher besser gewesen sein soll – es aber nicht war.
Der Gipfel der Naivität folgt aber erst in der Mitte des Artikels:
Wenn ein so gewaltiger Lebensbereich wie die Wirtschaft, die noch dazu viele weitere Lebensbereiche tyrannisch bestimmt, der gesellschaftlichen Gestaltungskraft entzogen wird, ist auch die Demokratie sinnlos.
Die Wirtschaft wird nicht demokratisch kontrolliert? Die gesellschaftliche Produktion – entzogen der staatlich-politischen Verwaltung – hat großen Einfluss auf unsere gesamten Lebensbereiche? Wahnsinn, über 150 Jahre hat es gebraucht, bis auch die selbstverständlichsten Beobachtungen sich in den Köpfen kluger Journalist*innen festsetzten und ihren Weg aufs Papier fanden. Wieso hat das denn so lange gedauert? Firmen werden nicht erst seit gestern undemokratisch geführt, daran ändert auch die Einführung von Betriebsräten nichts. Und wer sich heute wundert, dass Menschen von ihrem Arbeitsplatz und den Produkten menschlicher Arbeit abhängig sind, ist wohl auch jeden Morgen über die plötzliche Helligkeit durch den Sonnenaufgang erstaunt. Was ich damit sagen will: Diese Aussagen, die im Artikel angesprochen werden, sollten so selbstverständlich sein, dass darüber keine Belehrung notwendig wäre. Dass diese Feststellungen aber zur Empörung führen, ist nur noch mit einer Blindheit und Merkbefreiheit sondergleichen zu erklären.
Damit will ich nicht sagen, dass diese „Erkenntnisse“ schlecht wären, Einsicht ist ja der erste Weg zur Besserung, aber wie kann mensch nur so alltäglich-offensichtliche Sachverhalte über Jahrzehnte, angesichts der Empörung vielleicht gar Jahrhunderte, übersehen? Die parlamentarische Demokratie hat sich im Übrigen bisher immer auf politische Fragen beschränkt und den Unternehmen die wirtschaftliche Selbstorganisation überlassen – Gegenbeispiele gibt es seit knapp zwei Jahrzehnten nicht mehr in einem größeren Rahmen. Ist die implizite Forderung also mehr staatliche Kontrolle über Unternehmen? Staatsmonopolitischer Kapitalismus? Fragen, die der Artikel nicht beantwortet, zu denen es aber alternative Antworten gibt, die sich u.a. auch in vielen anarchistischen Schriften finden, die meist schon über 100 Jahre alt sind.
Wer schon an der leichtesten Kapitalismusanalyse scheitert, greift gerne zu einfachen Erklärungsmustern:
Wer hat die Politiker erpresst, wer hat sie bestochen? Wo sind die Bärenführer, von denen sich ganze Kabinette wie am Nasenring durch die Manege führen lassen? Ganz augenscheinlich ist die Furcht vor einer Wahlniederlage nichts im Vergleich zu dem Druck, den Wirtschaftskreise auf Politiker auszuüben vermögen.
Wer hier eine Verschwörungstheorie im Stile des alten Antisemitismus vermutet, liegt nicht ganz falsch. „Wirtschaftskreise“, die die Politik kontrollieren? Banken? Spekulant*innen, die die Steuereinnahmen verzocken und dann auch noch dafür beschenkt werden? Heuschrecken? Das Böse hat hier viele Namen, jedoch trifft keiner auch nur ansatzweise ins Schwarze. Einen strukturellen Antisemitismus immer wieder zu reproduzieren, indem gewisse Personengruppen, die legale Handlungen ausführen, als Verursacher*innen wirtschaftlicher Krisen identifiziert werden, die durch ihre finanzielle Macht auch die Politik kontrollieren und somit straffrei davonkommen, ist nicht nur falsch, sondern auch fatal. Neben der Hetze gegen diese Personen, kann ein Ansatz, der auf einer völlig falschen Analyse des bestehenden Wirtschaftssystems fußt, dieses auch nicht positiv auflösen. Wer glaubt, dass durch die Verbote von Leerverkäufen der Kapitalismus gebändigt werden kann und dann alles gut wird, empört sich ein paar Jahre später über „Credit Default Swaps“.
Ohne ein grundlegendes Verständnis des Wirtschaftssystems halbgare Reformen zu fordern, kann und soll auch gar nicht zur Auflösung desselben führen. Stattdessen wird nach dem gestrebt, was schon verloren schien: Dem „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“. Doch dieser existiert ebensowenig wie sein sozialistisches Gegenstück, welches die Reformer*innen 1968 in Prag und anderswo forderten. So wie einige der damaligen Akteur*innen zu der Erkenntnis gekommen sind, dass sich der autoritäre Sozialismus nicht reformieren lässt ohne seine Fundamente zu zerstören, so lässt sich auch der Kapitalismus nicht reformieren – eine sogenannte „soziale Marktwirtschaft“ bleibt die leere Vision eines Ludwig Erhard.
So komme ich nun zum Knackpunkt, zur Spitze des Artikeleisbergs, zum Kern der „Empörung“:
Manches spricht dafür, dass die kapitalistische Dynamik der Profitmaximierung etwas leistet, was die schärfsten Kritiker des Systems bisher nicht geschafft haben: ihm jedes Glücksversprechen auszutreiben.
Wenn schon das kapitalistische Glücksversprechen in den Fokus genommen wird, so bleibt es nicht aus, seine Erfüllung zu fordern – und wenn der Kapitalismus nicht in der Lage ist, sein elementares Versprechen zu erfüllen, bleibt ihm nur noch der Absturz auf den Müllhaufen der Geschichte. Was der Zeit-Artikel auf die „Dynamik der Profitmaximierung“ herunterbricht und verkürzt, ist nicht ein spezieller Aspekt der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sondern der Kern, das Fundament der kapitalistischen Marktwirtschaft, wie wir sie heute kennen. Die Behauptung, NUR die sogenannte „Dynamik der Profitmaximierung“ wäre das Problem am Kapitalismus, ist natürlich falsch. Viele weitere Aspekte wie die Marktkonkurrenz, das Privateigentum an Produktionsmitteln, die Abschöpfung des Mehrwerts usw. spielen genauso eine Rolle. Ich will an dieser Stelle nicht ausführen, wie Kapitalismus genau funktioniert und welche weiteren Probleme die Organisation der Gesellschaft in kapitalistischer Weise mit sich bringt, dazu ist von Menschen, die schon Ewigkeiten tot sind, schon genug geschrieben worden und ich will hier nicht mit noch endloseren Textwüsten langweilen.
Die Beherrschung der Grundlagen der Kapitalismusanalyse und -kritik ist Voraussetzung dafür, Alternativen anbieten zu können und konkrete Probleme und Phänomene erklären zu können. Bloße Empörung und blinder Protest bringen ein emanzipatorisches Projekt dabei sicher nicht voran. Doch wer seine Augen vor der vorhandenen Kritik verschließt und erst dann anfängt zu kritisieren, wenn der eigene Wohlstand konkret bedroht wird, kann keine Perspektive bieten. Sich jetzt zu empören, über ein Wirtschaftssystem, das schon seit langer Zeit ausreichend analysiert und kritisiert wurde, kommt nicht nur zu spät, sondern wirkt auch nicht sehr überzeugend. Angesichts der mangelnden Qualität der Kritik und der erhöhten Quantität der Empörung mag aber auch davon auszugehen sein, dass gar keine radikale Veränderung der Verhältnisse gewünscht ist.
Denn eine Alternative bietet der Artikel auch nicht an. Keine Analyse, keine Kritik und dann auch keine Alternative – wieso beschäftige ich mich mit diesem Artikel überhaupt? Weil er (zumindest in Teilen des Internets) eine gewisse positive Rezeption erfahren hat. Ich kann mir auch ganz gut vorstellen warum – dieser Artikel, mehr Kommentar als recherchierte Medienarbeit, lässt sich auf ein einziges Gefühl zusammenkürzen, welches gerade, nicht nur im Bücherregal, Hochkunjunktur hat: Empörung. Viele Menschen, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen, die sich ungerecht behandelt fühlen und wütend sind über die bestehenden Verhältnisse, können sich in diesem Artikel wiederfinden – ein intersubjektives Bauchgefühl. Doch wer versucht, aufgrund einer vagen Ahnung, einer artikulierten Empörung und ohne Verständnis für gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge eine soziale Ordnung zu verändern, kann keine befreite Gesellschaft in meinem Sinne anstreben. Wohin diese Empörung führen kann, ist offen, aber der Artikel gibt einen kleinen, wenn auch gruseligen Ausblick:
Sollte aus dieser Empörung eine Massenbewegung werden und aus der Massenbewegung eine Revolution, dann stehe ich sicher nicht an der Seite der vermeintlichen Revolutionär*innen. Aber ich sollte nicht von einer Revolution herumspinnen, so viele Bahnsteigkarten gibt es gar nicht. ]]>Und tatsächlich breitet sich die Ernüchterung schon aus. Sie kennt keine Parteigrenzen und erst recht keine Grenzen zwischen links und rechts.

Den Weg der vor uns liegt, müssen wir selbst auch erst noch gehen. Wir kennen ihn deshalb noch nicht gänzlich. Doch stehenbleiben werden wir nun auch nicht mehr. Enttäuschungen, Freude, Glück und Verzweiflung werden uns ständig begleiten. Und alles beginnt mit einigen einfachen Wahrheiten: „Ich möchte gerne frei sein.“; „Ich möchte keine Angst mehr haben“; „Ich möchte helfen“; „Ich glaube, ich kann etwas ändern“; „Ich werde für meine Rechte auf die Straße gehen“
Freiheit als weitere Worthülse ohne Bedeutung klingt zwar schön, ist aber trivial. Auch die anderen Sätze beschreiben mehr ein vages Gefühl der Empörung als eine Idee von „mehr Demokratie“. Sicher, die Gruppe (eine Bewegung ist es auf keinen Fall) will sich noch nicht festlegen und in Diskussionen Konzepte und Lösungen entwickeln und so allen die Möglichkeit geben, daran teilzuhaben, was prinzipiell eine gute Idee ist, aber auch dann sollte mensch schon zumindest eine gewisse Ahnung haben, worum es überhaupt geht.
Wer sich einmal die Interviews mit Teilnehmer*innen der Dauerkundgebung (ich verweigere hier auch den Begriff „Camp“) anschaut, wird auch die letzten Hoffnungen auf ein neues Spanien verlieren. Ich will an dieser Stelle auch nicht gemein sein und begrüße es meistens, wenn sich Leute erstmals politisch engagieren, aber es sollte doch ein Minimum an Subtanz haben. Manche Äußerungen wirken nur naiv, andere grenzwertig und dann gibt es da noch die Leute, mit denen ich politisch nicht mal im Traum zusammenarbeiten möchte, aber dazu komme ich nun.
„Linke“ (oder besser: „alternative“) Camps und neue, kleinere Gruppen haben oftmals die Eigenschaft, sehr „interessante“ Charaktere anzuziehen. So musste ich schon auf manchen Camps Theorien der „neuen Weltordnung“ lauschen oder andere Personen erzählten mir, dass die Trennung zwischen „links“ und „rechts“ doch totaler Unfug sei. Und, als ob sich Geschichte wiederholen würde, genau solche Charaktere fanden sich gerne und freundlich aufgenommen auch bei der Dauerkundgebung in Berlin – von Verschwörungstheoretiker*innen über Querfrontler*innen bis hin zu einfach irgendwelchen sehr seltsamen Personen war dort wohl alles dabei. Dafür kann die Gruppe erstmal nichts, doch ein wenig politische Positionierung oder der offensive Ausschluss gewisser Positionen hätten solche Vorfälle eindämmen können. (mehr zu den seltsamen Umtrieben bei Reflexion)
Die Dauerkundgebung ist inzwischen vorerst beendet, doch die Teilnehmer*innen sind nicht entmutigt und wollen weitermachen. Die Resonanz war bisher jedoch extrem gering, so fanden sich zu keiner Zeit wesentlich mehr als 50 Menschen bei der selbsternannten Demokratie-Bewegung ein – Massenbesetzungen sehen anders aus. Vielleicht hat dies auch damit zu tun, dass politische aktive Leute sich schon über die abstrusen Umtriebe auf der Dauerkundgebung informiert hatten und diese Veranstaltung absichtlich gemieden haben – ich hätte nicht anders gehandelt. Sowas ist zunächst vielleicht einmal schade, aber eventuell ist es auch besser, wenn einige auf dem Boden der Tatsachen ankommen und feststellen, dass politische Arbeit sehr gut mit politischen Inhalten harmoniert.
Da ich mich mit den Bewegungen in Spanien oder Israel nicht genauer auseinander gesetzt habe, kann ich zu den politischen Zielen auch keine Stellung beziehen. Aber die Forderung nach „echter Demokratie“, am besten gepaart mit einem wunderbar-ekelhaften Kollektivbegriff, teile ich nicht. Wie schon einmal festgestellt, bin ich kein*e Demokrat*in – Herrschaft, auch eines „nationalen Kollektivsubjekts“ lehne ich ab. Mehr Mitbestimmung? Referenda zu politischen Fragen? Mehrheitsentscheide? Zwangskonsens? Alles Dinge, die ich nicht brauche oder will. In einer freiheitlichen Gesellschaft können Positionen auch nebeneinander bestehen und nicht alle müssen einer Meinung sein. Staat die Herrschaft aller zu fordern, wünsche ich mir bloß die Abschaffung jeglicher Herrschaft – und damit auch die Abschaffung einer „echten Demokratie“.

Vielleicht zum Schluss noch ein kurzer Hinweis auf die Doppelmoral mancher Politiker*innen. Denn es werden nicht alle Tötungseinsätze mit derselben Euphorie begrüßt und gefeiert wie die Tötung Bin Ladens. Ob das eine Doppelmoral oder doch wieder einmal gewöhnlicher Antisemitismus ist, dieses Urteil überlasse ich den Leser*innen – wahrscheinlich ist es jedoch beides. Wobei die Tötung eines aktiven Terroristen (in diesem Fall Scheich Yassin) wohl wesentlich mehr Leid verhindern konnte als sie anrichtet. Anstatt mich nun auf Einzelfälle zu stürzen und komische Rechnungen vorzunehmen, lasse ich alle, die um die Aufklärung besorgt sind, mit einem mulmigen Gefühl im Magen allein und genieße den Sonnenschein. (Oh, ein Zufallsreim)
P.S.: Diese Politik nervt schon ein wenig, nicht wahr?
Demnächst blogge ich einfach mal wieder was über Videospiele.

